Geschichte einer lesbischen Nonne, die 1681 in einem italienischen Gefängnis verstarb.

Nur eine handvoll lesbischer Liebesaffären in Klöstern ist von der Spätantike bis zur Moderne bekannt. Die Geschichte von Benedetta Carlini, geboren 1590, ist die bestdokumentierte. Als einfaches Mädchen aus einem apenninischen Dorf passte Benedetta nicht ganz in die etablierten Klöster ihrer Umgebung. Zudem war der Andrang gross, obwohl die Klöster eine beträchtliche Mitgift verlangten. Einen gutsituierten Stadtbürger, der mehrere Töchter unter die Haube zu bringen hatte, kam diese Lösung zwar dennoch billiger zu stehen als eine standesgemässe Heirat. Für einen Mann vom Dorf, auch wenn er nicht zu den Aermsten zählte, konnte sie unerschwinglich sein. (Im Folgenden ein Text aus Der Spiegel, 1988.)

Zudem war der Ruf der Traditionsklöster übel. Zu viele überschüssige Bürgerstöchter wurden dort zwangsweise verstaut, und ihre Betreuung durch benachbarte Mönche sorgte für Gerede. Sogar ein hölzerner Penis „al naturale“, der in einem Nonnenschuh gefunden wurde, geriet zum öffentlichen Skandalobjekt: Ein Mönch habe ihr das Ding zurechtgeschnitzt, so beteuerte die betroffene Nonne arglos im Verhör, „um damit ein Loch zuzustopfen“.

Vater Carlini brachte sein Kind in dessen neuntem Lebensjahr in der noch jungen Frauengemeinschaft der Theatinerinnen unter, die sich die kirchliche Anerkennung als Kloster erst noch durch besondere Tugendsamkeit verdienen mußte.

Es dauerte 20 Jahre, bis die amtliche Anerkennung kam, und gegen Ende dieser Zeit wurde Benedetta Carlini, noch nicht ganz Dreißig, von ihren Schwestern mit Zustimmung der Kirchenbehörden zur Äbtissin gewählt… Durch … religiöse Leidenschaft war Benedetta zu einer Ausnahmepersönlichkeit von heiligmäßigem Ruf geworden.

Betend, fastend, sich geißelnd und büßend, hatte sie sich Jesus genähert, Jesus hatte sich ihr in einer Reihe von eindrucksvollen Visionen offenbart und durch ihren Mund zu ihren Schwestern gesprochen. An Händen, Füßen und Stirn trug sie die blutenden Wundmale des Gekreuzigten. Jesus hatte ihr, als besonderes Zeichen der Zuneigung, das Herz aus der Brust gerissen – der Schmerz ließ sie einen Augenblick lang fast ohnmächtig werden -, und er hatte es drei Tage später durch sein eigenes, von drei Pfeilen durchbohrtes Herz ersetzt. Die junge Nonne Bartolomea, die der kränkelnden Visionärin als Beistand in die Zelle gelegt worden war, hatte alles beobachtet, sogar Benedettas schamhaftes Zögern, sich vor Gott zu entblößen, sie hatte den ausgehöhlten Brustkorb betastet und dann den Wulst, den das wesentlich größere Herz des Erlösers samt Pfeilen anfangs verursachte.

Ende Mai 1619 feierte die Äbtissin Benedetta nach dessen exakten Anordnungen in einem dreistündigen Prunk-Zeremoniell ihre Hochzeit mit Christus. Er selbst predigte durch ihren Mund, während sie sich, wie immer bei ihren Visionen, in Trance befand… Er pries die einzigartigen Tugenden seiner Magd und Braut Benedetta und erhob sie zur höchsten Glaubensautorität für ganz Pescia. Wenn man nicht auf sie höre, so präzisierte er in einer späteren Erscheinung, werde die Pest über die Stadt kommen.

Solch außerordentliche Offenbarungen mußten eine skrupulöse Untersuchung durch die Kirchenautorität herausfordern, vertreten durch den Propst der Stadt… Doch die Prüfung endete mit einem Kniefall des Kirchenmanns vor den Stigmata der großen Mystikerin. Die päpstliche Anerkennung des Klosters samt Bestätigung Benedettas in ihrem Äbtissinnenamt folgte kurz danach…

Dummerweise trat drei Jahre später ein neuer päpstlicher Nuntius in Florenz seinen Posten an, ein Mann mit frischem Mißtrauen gegenüber Mystikern, deren quasi mittelalterliches Zauberwesen nicht nach der neuen Mode war – den Männern erschien vorwiegend die Jungfrau Maria, Frauen hingegen meist Jesus. Es war nie so gewesen, daß sich die Kirche einfach begeistert zeigte, wenn Gott sich irgendwelchen Laien, und gar Frauen, in Visionen offenbarte…

[…]

Als der Fall 1623, auf Anweisung des Nuntius … neu aufgerollt wurde, hatte sich die Stimmung im Kloster merkwürdig gegen Benedetta Carlini gewendet. Nun hieß es, Schwestern hätten die asketische Äbtissin, die Fleisch verabscheute, beim heimlichen Salami-Naschen ertappt; auch sei beobachtet worden, wie sie mit einer Nadel in ihren Wundmalen stocherte, um sie blutig zu halten, sie habe bei Geißelungen geschummelt und mit Safran und Blattgold Wunderzeichen auf ihrem Körper hervorgezaubert.

Doch all diese Enthüllungen übertraf die junge Bartolomea, die die Zelle der Äbtissin mitbewohnt hatte. Was sie gestand, war so beispiellos und entsetzlich… Über mehr als zwei Jahre, manchmal bei Tag, während des Unterrichts und sogar „während der allerheiligsten Offizien“, und noch viel öfter des Nachts, in der Zelle, hatte Benedetta sich Bartolomea genähert und sie mit einer wilden, rasenden Fülle von Zärtlichkeiten überschüttet, die kein Mann für vorstellbar halten wollte.

Oder nein, es war gar nicht Benedetta gewesen, die das tat. Sie befand sich während all dieser Stunden in mystischer Trance, ihr schöner Schutzengel namens Splenditello hatte von ihr Besitz ergriffen und sprach, mit anderer Stimme, durch sie: Er war es, der Bartolomea unzählige Liebeschwüre ins Ohr flüsterte und ihr versicherte, all diese Lust sei keineswegs sündig, vielmehr Vorgeschmack eines himmlischen Glücks, das ihr versprochen sei.

Die Verhörführer müssen fassungslos über eine so unerhörte Teufelei gewesen sein: Bartolomeas Geständnisse, über mehr als 350 Jahre im Staatsarchiv von Florenz begraben, bilden die einzige bekannte Schilderung einer lesbischen Leidenschaft aus einem ganzen Jahrtausend europäischer Sittengeschichte.

Nichts spricht dafür, daß Benedetta Carlini einfach eine Betrügerin war. Vielmehr, so ließe sich denken, war sie so zerrissen zwischen Angst vor dem Teufel, körperlichem Verlangen und dem ehrgeizigen Drang nach Heiligkeit, den das Gelübde des Vaters ihr aufgeprägt hatte, daß sie sich in einen ekstatischen Wahn aus Brunst und Inbrunst verstieg, der alles zugleich erfüllen sollte. Vor ihren Richtern konnte oder wollte sie sich über Splenditellos Umgang mit Bartolomea mit keinem Wort äußern, doch dem Urteil der Fachmänner, daß all ihre wunderbaren Visionen von Herztausch und Hochzeit mit Jesus nur Teufelswerk gewesen seien, unterwarf sie sich ohne Widerstand. Benedetta Carlini ist 1661 in Pescia gestorben, nachdem sie 35 Jahre für ihre Verbrechen im Gefängnis gebüßt hatte.

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Quelle:

DER SPIEGEL 46/1988
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531171.html
(Gekürzt und leicht geändert durch montebas)

P.S. Der Spiegel hält sich an das Buch von Judith C. Brown, eine amerikanische Spezialistin für die toskanische Renaissance, die im Staatsarchiv von Florenz Protokolle aus dem frühen 17. Jahrhundert entdeckte, welche das Untersuchungsverfahren gegen Benedetta Carlini aus dem Apenninendorf Vellano enthalten.

Judith C. Brown:
IMMODEST ACTS. The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy.
214 pp. New York: Oxford University Press.

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