„Wir waren Freunde, Seelenverwandte und Liebende. Ich war sieben, er war 51.“

Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. (Exzerpt)

(Blog noch in Arbeit)

Autobiografien sexuell missbrauchter Kinder gibt es viele. Sie hatten wohl ihren Höhepunkt in den späten achtziger und neunziger Jahren. Eine der frühesten und bekanntesten war „Ich weinte nicht, als Vater starb“ (19861). 2011 fand Margaux Fragoso in ‚Tiger, Tiger‘ neue Töne, wie der Titel dieses Beitrags erahnen lässt.2 Es ist die Geschichte einer Kindheit, in der Sex im Rahmen einer Wahlverwandtschaft geschah. Das Verhältnis zog sich über 15 Jahre dahin, das Schreiben des Buches dann über 9 weitere Jahre, ihr Liebhaber hatte es gewünscht. Fragoso genoss dabei einige Unterstützung aus der Umgebung ihres Studiums, wo sie das Fach creative writing belegt hatte, und es versteht sich, dass sie mit dieser Arbeit auch etwas literarischen Ehrgeiz verband. Dies irritierte andererseits auch. Noch mehr tat dies die offene Beschreibung der sexuellen Interaktionen.

»Ihr erster sexueller Kontakt mit Peter im Alter von acht Jahren wurde von der New York Times als das „vielleicht Unanständigste, das in irgend einem der wichtigeren Bücher der letzten 10 Jahre veröffentlicht wurde,“ bezeichnet. Kommentatoren in den USA und Kanada haben die Wahrheit ihrer Bekenntnisse in Frage gestellt, weil sich ihre Memoiren eher wie ein Roman oder eine Liebesgeschichte lesen.« 3

Doch ihre Verleger hegten keine Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Buches: „Wir haben ein Tagebuch, welches sie mit 12 schrieb. Es ist eine Rechenschaftslegung über ihre Beziehung, geschrieben in ihrer kindlichen Handschrift. Sie können sich vorstellen, dass es sich um ziemlich verstörendes Zeug handelt. Wir haben auch Briefe, die er an sie schrieb, die sich über viele Jahre erstrecken.“ 4

Fragoso, deren Kurzgeschichten und Gedichte schon vor ihrem grossen Erfolg in der Literary Review und in andern Journalen erschienen waren, verteidigte den vielen Sex in ihrem Buch. „Ich wollte nicht über Sex schreiben, aber ich wurde dazu ermutigt von Herausgebern und Lehrern für kreatives Schreiben, denn in früheren Entwürfen, ohne diese erschreckende Sexualität, las es sich wie eine Romanze.“ QUELLE

Die sexuellen Handlungen werden allerdings kaum erotisierend, eher klinisch genau beschrieben. Sie erscheinen aber eingebettet in eine Grundhaltung der Ambivalenz, die das ganze Buch durchzieht. Damit ist eine Gegenposition zu „Ich weinte nicht…“, dem lange Zeit tonangebenden Werk erreicht, wenn auch vermutlich nicht in bewusst gewählter Opposition zu diesem.

Margaux wurde1979 in Union City, New Jersey, geboren, wo sie auch aufwuchs. Ihren späteren Liebhaber traf sie, als sie an einem Frühlingstag als Siebenjährige an der Hand ihrer Mutter ein etwas älteres, leicht verschlammtes Quartierschwimmbad besuchte. Dort bemerkte sie am anderen Ende des Beckens einen Mann, der mit zwei Jungen planschte, lachte, Ball spielte. Der Jüngere von diesen, neun oder zehn Jahre alt, nahm sogleich den Blick der Siebenjährigen gefangen. „Er war sehr hübsch… seine Beine, Arme und Hände besassen eine zartgliedrige Beweglichkeit, in seinem Gesichtsausdruck lag eine für einen Jungen seltene Sensibilität.“ Ricky, wie er hiess, sollte sie durch ihre weitere Kindheit begleiten, allerdings fast ohne je ein Wort an sie zu verlieren. Doch auch der Vater fand ihre Sympathie. „Als er in meine Richtung blickte, sah ich, dass seine Augen aquamarin strahlten.“ Sie bemerkte, dass er alt war, aber dennoch viel Energie ausstrahlte. Vor allem schien er nicht erwachsen. Er hätte sich in eine Reihe von hundert Männern mit ähnlicher Statur stellen können, sie wäre trotzdem zu ihm hingegangen, schreibt Fragoso, und hätte ihn gefragt, ob sie mit ihm spielen könne.

Das Mädchen durchquerte das ganze Becken und stellte ihm genau diese Frage, und sofort spritzte er ihr ins Gesicht, tollte mit ihr herum, als wäre sie eins seiner Kinder. Dann stellte er sich mit den Kindern und seiner Frau Margaux‘ Mutter vor, und versprach den beiden, sie zu sich einzuladen, was er dann alsbald tat. 34

Peters Haus war eine Art Villa Kunterbunt mit Kaninchen, Leguanen, einem Wels, einer Schildkröte, einem Kayman, den er am Bauch zu streicheln pflegte, und mit Paws, dem grossen wolligen Hund. Eine streng riechende Zauberwelt. Wieder zu Hause wollte Margaux sofort Peter anrufen und sich den nächsten Besuchstermin sichern. Mommy war einverstanden. Sie machte Peter ein Kompliment, weil er es so gut mit Kindern könne. Aus dem Anruf resultierten gleich zwei Termine, jeweils montags und freitags, fix. Das Verhältnis war gegründet.

Margaux Behausung war damals noch eher deprimierend. Doch bald zog ihre Familie in ein wenig entferntes, grösseres Haus. Ihr Vater, den sie Poppa nannte, war von da an eher noch schwerer zu ertragen. Er hatte seine finanziellen Möglichkeiten ausgereizt, und wurde darüber noch mehr zum Kontrollfreak, aus Sorge um das Haus. Zudem war er alkoholabhängig und ein Besserwisser und Nörgler, der gerne den Leuten Vorträge über seine weisen Ansichten und Prinzipien hielt. Margaux liess er wenig Freiheit.

Bei Mommy meldeten sich zunehmend Anzeichen einer beginnenden Geisteskrankheit, weshalb sie öfters ins Krankenhaus musste. Poppa musste dafür bezahlen, was bei Momma Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle hinterliess. Wie sie Peter anvertraute, war sie der Überzeugung, dass kein anderer sie nehmen würde, schon wegen ihres Übergewichts nicht. In Gesellschaft mit ihm und Margaux fand sie die nötige Distanz, um sich über Poppa lustig zu machen.

Margaux galt zuhause als Träumerin. Sie ersann gerne Geschichten, wofür man wenig Verständnis hatte. Peter dafür umso mehr. Und er hatte viel Zeit, um mit ihr zu spielen.

Als die Winterabende kamen, blieben sie häufiger im Hausinneren. Margaux pflegte dann mit Peter Puzzle zu spielen; es hatte 1000 Teile. Wenn sie eines von ihnen fand, belohnte Peter sie mit einem Kuss auf den Mund, wenn es niemand sah.

An Peter mochte sie besonders, dass es bei ihm kaum Verbote gab. Manchmal malte sie sich aus, ihre Mutter, die sie meistens zu Peter begleitete, würde einfach verschwinden, und sie wäre mit Peter allein, Tag und Nacht.

Little Mama

Einige Strassenkatzen hatten gelernt, dass es in Peters Keller Futter und Milch gab. Eine von ihnen lief wochenlang mit einem dicken Bauch herum, bis Peter und Margaux sie eines Tages beim Säugen einer kleinen Kätzchenschar ertappten. Peter taufte sie Little Mama. Ihm gefiel es, wie Margaux liebevoll mit ihnen spielte, und er meinte, sie würde wohl auch gern mit einem dicken Bauch gehen und Mama werden. Ihm würden kleine Mädchen mit Bauch gefallen, weil sie dann wie schwanger aussähen.

Als sie die ersten Male zusammen in den Keller gingen, bat Peter darum, sie streicheln und auf den Mund küssen zu dürfen. Als sie das schliesslich „wie Erwachsene“ taten, störte es sie, nicht richtig atmen zu können, und sie liess sich zu Boden sinken. Sie war jetzt Schneewittchen, während Peter seine Spiele weit über „das Normale“ hinaus fortsetzte. Er begann, ihr Gesicht zu streicheln, ihren Po, den Hals, die „Stelle zwischen meinen Beinen“. Er brachte sie immer irgendwie dazu, weitere Berührungen zuzulassen. Wenn sie sich zu Boden fallen liess, um zu zeigen, dass ihr seine Annäherungen allmählich zu aufdringlich wurden, tat er so, als würde er ihr wie ein Grosswildjäger seiner Beute die Haut abziehen. „Überzeugt, wirklich tot zu sein, spürte ich die überwältigenden Gefühle nicht mehr.“ [85]

Die Suzuki-Erfahrung

Als es wärmer wurde, schlug Peter ihr vor, in den Unterhosen zu spielen. Sie fand es seltsam und auch befreiend. Mit dem Hinweis, dass wilde Tiere keine Kleidung trügen, forderte er sie zum Ausziehen des Slips auf, was ihr nicht mehr schwer fiel. Sie steigerte sich immer mehr in die nachgeahmten Tiere hinein. Sie knurrte und leckte die Griffe der Suzuki-Maschine, die in der Nähe stand. Als sie diese wieder einmal nackt bestieg, liess Peter den Motor an. „Ich spürte, wie ein brausendes, brennendes Gefühl vom Motor aufstieg… sich durch den gesprungenen Ledersitz fortpflanzte und mich durchdrang… Ich umklammerte die Griffe, hielt es kaum aus, meine Augen tränten, ich sagte etwas Seltsames, ich würde mich wie Little Mama fühlen, die ihre Kätzchen bekommt; dann explodierte dieses schmelzende, sengende, wahnsinnige Gefühl in mir wie ein Sack mit… Pollen, die durch die Luft wirbeln… Benommen stieg ich vom Motorrad, fiel fast hin und fragte mich, was gerade mit mir geschehen war.“ [84]

* * *

Schon länger waren Wutanfälle von Margaux ein Thema gewesen. Auch fing sie an, Peter zu belügen. Peter sagte ihr, dass er keine Lügen mochte. Beides erlaubte ihr, über Peter eine gewisse Macht auszuüben. Peter motivierte sie schliesslich zu einem Pakt, der den völligen Verzicht auf Lügen beiderseits forderte. Margaux nahm den Pakt in der Folge sehr ernst. Frech blieb sie dennoch.

Peter hatte Margaux schon mehrmals gesagt, dass sie ihn wunschlos glücklich machte, und einmal, dass er sie heiraten werde, wenn sie achtzehn sei. Sie rechnete aus, dass es nur noch zehn Jahre dauern würde, und freute sich, weil Eheleute sich jeden Tag sahen, nicht nur montags und freitags. „Manchmal summte er vor sich hin, was bedeutete, dass er sich mich gerade nackt vorstellte.“ Gelegentlich wurde sie dann wütend. 94

Das Versprechen

Einmal führte Peter sie einen Weg zum Keller hinunter, den sie zusammen noch nie gegangen waren. Scheinbar wollte er ihr Fiver, das kranke Kaninchen, zeigen. Dann drehte er sich plötzlich um, nahm ihre Hände in seine, und fragte sie: „Liebes, löst du jetzt dein Versprechen ein?“ Sie wusste nicht welches Versprechen, und konnte sich an keines erinnern. Irgendwie fand er den Weg zum Thema ‚Baby machen‘, und er erinnerte sie an seinen eigenen ‚Babymacher‘, den er ihr gezeigt habe. Sie konnte sich nicht erinnern. Er aber wies darauf hin, wie wunderbar die unterschiedlichen Organe von Mann und Frau zusammen passten. Dann holte er weit in eines seiner Lieblingsthemen aus, das er ‚die verlogene und verkorkste Gesellschaft‘ nannte. [96]

Sie verstand seine Wort nicht ganz, schloss aber daraus, dass er wie sie Vorschriften verachtete und es nicht mochte, wenn Erwachsene die Kinder bei allem Wichtigen ausschlossen.

Dann erinnerte er sie wieder an ihr angeblich getätigtes Versprechen, Sie habe versprochen, für ihn “alles“ zu tun. Nun zog er seine Hose herunter. Er trug keine Unterwäsche. Sie sollte so tun, als wäre der Penis ein Eis. Aber sie mochte nicht, weil sie ja dann Pipi lecken würde. Auch einen Kuss darauf geben konnte sie einfach nicht. Peter zog sich darauf schmollend zurück. Er öffnete die Kellertür und wollte gehen.

»Nein, warte Peter, warte!« Sie klammerte sich an sein T-Shirt.

»Lass mich los!«

»Ich kann es ja versuchen!…«

»Du magst mich nicht, weil ich ein alter Mann bin. Du findest mich hässlich.« [104]

Karen „meine Schwester“

Als Margaux von einem dreiwöchigen Urlaub mit Poppa aus Puerto Rico zurückkehrte, stellte sie fest, dass ihre Zeit als einziges Mädchen in Peters Haus vorbei war. Karen war jetzt ihre Schwester. Margaux war da acht Jahre alt, Karen sechs. Margaux begriff Peters Bedürfnis nach Kindern nicht.

Seit sie Peter – Stichwort „Versprechen“ – enttäuscht hatte, war er nicht mehr mit ihr in den Keller hinunter gestiegen. Das erleichterte sie einerseits, andererseits stiegen Gedanken in ihr auf, die sie nervös machten. Konnte es sein, dass er mit Karen hinunter ging? Tat Karen das, wozu sie zu feige gewesen war? Margaux konnte den Gedanken nicht ertragen, dass zwischen den beiden etwas Besonderes war. Kam hinzu, dass Karen im Haus wohnte, während sie nur zu Besuch dort war. Sie tröstete sich damit, dass nur sie das Potenzial hatte, seine Frau und Mutter seiner Kinder zu werden. Und schliesslich durfte nur sie mit Peter Motorrad fahren, Karen war zu klein dazu.[108]

* * *

Obwohl Margaux unter ihrem kurzen Haarschnitt litt, weil die anderen Mädchen sie deswegen auslachten, ging Poppa mit ihr zum Friseur, wo ihr ein noch kürzerer Schnitt verpasst wurde. Peter bezeichnete das als Kindesmisshandlung. Margaux redete seither kaum noch mit Poppa. Irgendwann warf sie den Teller mit dem von Poppa gekochten Essen zu Boden. Er bedrohte sie mit der Faust, und als sie sich wegdrücken wollte, beschimpfte er sie als Feigling. Seither ignorierten sie sich gegenseitig.

Dafür bastelte sie jetzt Nächte lang an papierenen Marienkäfern, die sie Peter schenkte. Der bewahrte sie in einer Truhe auf, die sie im Werkunterricht für ihn gezimmert hatte. Die Ausflüge auf seinem Motorrad führten sie nun immer weiter, und sie akzeptierte die „Fisch-Küsse“, bei denen man sich kaum berührte. Auch an die anderen Kussarten hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Nur den Bazooka Joe, wo dasselbe Stück Kaugummi abwechselnd vom einen und dem andern gekaut wurde, mochte sie nicht. Doch mit der Zeit spürte sie schlicht nichts mehr dabei. [131]

Das Geschenk – „diese Sache“

Dann sassen sie zusammen unter einer Trauerweide, irgendwo draussen vor der Stadt. Peter legte den Arm um sie und erinnerte sie sanft daran, dass er demnächst Geburtstag haben werde. Er könnte ihr einen Tipp für ein Geschenk geben, das nichts koste. [133]

»Also es ist etwas, was ich mir schon lange wünsche… Es ist etwas, das Menschen, die sich lieben, so wie du und ich, Menschen, die eines Tages heiraten wollen, was diese Menschen als Zeichen ihrer Liebe tun.«

»Peter, willst du, dass ich diese Sache mache?«

»Nur wenn du das willst und wenn du dazu bereit bist.«

»Ich muss darüber nachdenken, Peter.«

Als Peters Geburtstagsfeier vorbei war, wollte Karen E.T. gucken. Peter überliess sie Momma, Margaux zwinkerte ihm zu, das war das Zeichen. Sie stieg mit ihm die Kellertreppe hinunter, sie ging voran, sie führte Peter an der Hand. Peter wurde nervös.

»Bist du dir sicher? Tu nichts, was du nicht willst. Wir können zurück… Wir müssen das nicht tun,«

»Du hast heute Geburtstag. Ich will es dir schenken.«

Unten angekommen stand sie reglos und wartete auf das Kribbeln und Prickeln, das ihr verriet, wann ihr Körper einschlief.

»Vielleicht gehen wir doch besser wieder nach oben… Du machst keinen sehr glücklichen Eindruck.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich meine, du musst überhaupt nichts tun. Mit dir zusammen zu sein, das reicht mir. Du musst nichts tun, was du nicht willst.«

Sie schwieg weiter. Sie „konzentrierte sich darauf, glücklich und entspannt zu wirken.“

»Ich meine, was möchtest du jetzt gerne tun?«

»Sag du es! Ich tu alles, was du willst. Du hast heute Geburtstag…«

Auf einmal schlang er die Arme um sie.

»Ich liebe dich so sehr… Wir sind die einzigen Menschen auf der Welt, die wichtig sind: du und ich.«

Sie zog seine Hose herunter…Sein Penis sah nicht so furchterregend aus wie beim letzten Mal. Er war ein natürlicher Körperteil, nichts Peinliches. Sie berührte ihn, und er wurde grösser. Die Haut wurde glatter.

»Ich begriff, dass ich ihn steuerte… Ich küsste ihn auf die Stelle mit dem zugekniffenen Auge. Da war kein Pipi…«

»Kannst du daran lutschen, wie an einem Lolli?« [143]

Margaux kamen Geschichten aus längst gelesenen Büchern in den Sinn. Eines hiess Der ewige Lolli. In einem anderen Buch trank eine Maus aus einem Glas Milch. »Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich nicht auch eine Maus war…« Sie wusste nicht mehr, wo sie war. Schliesslich merkte sie, dass sie einen Daumennagel vor sich hatte. Peters Daumennagel. Sie merkte, dass sie zu Peters Gesicht hoch sah. Sofort streichelte er ihr übers Haar.

»Ich liebe dich… Hör jetzt besser auf, Schätzchen… Du bist so schön. So schön und liebevoll… Ich danke dir, mein Liebes..«

»Jetzt bist du mir aber was schuldig, Peter!«, sagte sie.

»Komm, wir gehen wieder nach oben«, sagte Peter. Er sah plötzlich nervös aus.

Als sie die Treppe hoch gingen, erinnerte er sie ganz nebenbei an die abgemachte Geheimhaltung. Margaux reagierte ärgerlich: „Ich kann ein Geheimnis für mich behalten!“ Doch er wollte ihr zeigen, wie man ein Geheimnis für sich behält. Er nahm ihre Hand in seine, legte seinen kleinen Finger auf ihre Lippen, als schiebe er ihn in ein Schloss, dann legte er den imaginären Schlüssel in ihre Hand. „solange du diesen Schlüssel bei dir hast… musst du dir keine Sorgen machen.“ Er küsste sie auf die Stirn, und Margaux sagte: „Ich werde den Schlüssel mit meinem Leben verteidigen.“

Dann hatte sie nur noch Flucht im Sinn. Sie verlor einen Turnschuh, huschte unter den Tisch, er griff nach ihr, sie trat mit den Füssen nach seinen Händen, „Verschwinde… oder ich bringe dich um!“ Er holte den Turnschuh hinter dem Rücken hervor, und sie hatte ihn wieder lieb und begann zu weinen. Er wollte gehen.

»Verlass mich nicht!«

»Warum weinst du denn?«

Ich weinte… weil ich ihn hasste. Er hatte mich erschüttert, dieser kurze Gedanke, ihn umbringen zu wollen. Ich hatte ihn sterben sehen wollen… aber das konnte ich ihm nicht sagen.“

»Ich weine, weil ich mir den Kopf gestossen habe.«

Dann regnete es Küsse.

Die Trennung

1988 war Margaux 9 Jahre alt und hatte kleine Brustansätze. Sie durfte nicht mehr zu Peter. Er hatte sie im Schwimmbad geküsst, der Bademeister hatte es gesehen. Margaux verteidigte das. „Peter ist eher mein Vater als Poppa.“

Schon nach zwei Wochen der Trennung bekam sie destruktive Wutanfälle. Sie war oft gedanklich abwesend. Nach sieben Monaten hatte sie stark abgenommen, sie zeigte Anzeichen von Bulimie (Magersucht).

Margaux wurde Zeugin von nächtlichen Streitigkeiten zwischen Momma und Poppa. Poppa gab zu, Freundinnen zu haben. Momma musste wieder ins Krankenhaus. Kaum war sie weg, ging Poppa mit Margaux aus, ging mit ihr in Bars.

Margaux erhielt von Peter eine Karte zu Ostern. Dann, nach einem Jahr, kam Momma zurück. Sie wollte, dass Margaux Peter anruft. Margaux und Momma tricksten zusammen Poppa aus. Für Margaux hiess das, sie hatte ein Geheimnis, das nur ihr und Momma gehörte.

Margaux ging jetzt in die 5. Klasse. Sie freundete sich mit einem Mädchen an. Sie vertraute ihr an, dass ein erwachsener Mann sich in sie verliebt und sie zur Frau gemacht hat. Die Freundschaft vollzog sich hauptsächlich via Telefon. Wenn Poppa Margaux telefonieren hörte, schrie er manchmal, er könne ihre Stimme nicht mehr ertragen.

Das Wiedersehen

Nach zweijähriger Trennung ging Margaux zusammen mit ihrer Mutter wieder zu Peter. Er drückte sie fest an sich, und sie presste ihr Gesicht auf seine Brust, „wie ich es immer getan hatte… Ich hatte das Gefühl, in einem Liebesfilm zu sein, in dem Peter die Hauptrolle spielte.“ Dann sagte er zu ihr: »…Ich kann ohne dich nicht leben. Geht es dir nicht auch so?« 207

»Doch«, hörte sie sich sagen und liebte ihn wieder so, als seien sie nie getrennt gewesen. Von nun an sahen sie sich wieder regelmässig. Ihre Mutter fand alsbald, dass Margaux wieder etwas zugenommen habe. Sie trug eine superenge Jeans und einen grauen Body mit einem immer geöffneten Reissverschluss, damit man ihren Ausschnitt sehen konnte, den sie für eine Elfjährige beachtlich fand. Sie trug B-Körbchen. Noch hatte sie ihre erste Periode nicht bekommen.

Der Deal

Nach dem 12. Geburtstag bekam Margaux die erste Periode. Peter wollte (nicht deswegen) einen Zungenkuss. Sie hatte schon viele gegeben, jetzt verlangte sie 50 Cent, weil er alt war. “Ich liebte ihn…“ aber sie mochte die Berührung der Zungen nicht. Sie versuchte, sich dabei Ricky vorzustellen, was nicht gelang, weil der keine Bartstoppeln hatte. Die 50 Cent sollten ihr ein Gefühl der Genugtuung geben, weil sie ihm so viele Zungenküsse umsonst gegeben hatte, als sie „noch zu jung“ war, um ihren Wert zu kennen.

Margaux realisierte, dass Peter keine Zähne mehr hatte, das Gebiss trug er nicht. Das war Margaux egal, wichtig war ihr hingegen, dass sie und Mommy jetzt, in den Schulferien, täglich schon morgens um neun zusammen zu Peter gingen. Sie assen nicht mehr mit Poppa zusammen. Und Margaux durfte jetzt mit Peter auf dem Motorrad bis New York City fahren. Mommy äusserte Verständnis für Margauxs Liebe zu Peter [hatte jedoch weiterhin keine Ahnung, wie weit dieses Verhältnis in Wirklichkeit ging]. Margaux schätzte das. Statt wie Poppa es versucht hatte, ihren Willen zu brechen, liess Mommy sie frei, damit Margaux ihr Leben leben konnte.

Die Gegenleistung

Als sie wieder einmal zusammen die Kellertreppe, die Margaux so gut kannte, hinunter gingen, erklärte er ihr, dass er diesmal ihr etwas zugute tun wollte. Er erzählte ihr, wie er als pubertierender Junge von seinen älteren Schwestern zum Cunnilingus missbraucht worden war, weshalb ihn das bis heute anekelte. Er versuchte dann aber in vielen kleinen, zärtlichen Schritten, Margaux auszuziehen und sie zu lecken. Margaux war dabei gesprächig und zappelig. Dann wollte sie sich wirklich konzentrieren, aber sie fühlte sich unwohl in dem feuchtkalten, dunklen Keller, „Ich liebte ihn und ich hasste mich selber, weil ich einfach nicht kommen konnte.“

Dann zu Peter:

»Du hast das so gut gemacht, aber ich bekomme mal wieder nichts hin.«

Dann wiederholte sie, dass sie niemals etwas tun würde, was ihn in Schwierigkeiten bringen könnte. Eher würde sie sich die Kehle durchschneiden, als etwas zu verraten.

Tage später öffnete er ihr unvermittelt den obersten Knopf der Jeans und schob ihr die Hand zwischen die Beine und begann zu reiben. Als sie trocken wurde, gab Peter Vaseline auf seinen Finger, Sie stellte sich vor, dass Ricky „…den heissen Motor zwischen meinen Beinen betastete… irgendwo da, wo es, wie ich jetzt wusste, heiss und nass war – ein echtes Gefühl, das den Verstand auslöschte.“

Da Sommer war, „…drehte sich bei mir alles um nabelfreie T-Shirts, knappe Shorts… Trägertops und Bustiers.“ Peter warf ihr vor, damit noch mehr Aufmerksamkeit auf sie beide zu lenken. Auch würde sofort ein Kerl neben ihr stehen und sie anquatschen, wenn er sie nur eine Sekunde alleine lasse.

Peter hatte sich dabei angehört, als ob er sie mit ihren 12 Jahren für zu jung gehalten hätte, „…doch wenn wir Sex hatten [offenbar mit einiger Regelmässigkeit], war 12 in Peters Augen schon ziemlich erwachsen. Selbst acht war schon alt gewesen.“ 251

* * *

Im September kam Margaux in die 7. Klasse einer anderen Schule. Sie vermisste dort ihre Freundinnen, die sie allerdings nie wirklich in ihren Kreis aufgenommen hatten. Margaux war zurückgezogen und scheu, und galt als freak. Die Telefonate mit Winnie, ihrer Freundin von der vorherigen Schule, pflegte sie aber weiter. Ihr berichtete sie, Ricky habe es ihr mit der Zunge gemacht und sie ihm. Winnie wollte dann immer wissen, wie Sperma denn nun schmecke. Margaux: »Wie Wassereis.« In Wirklichkeit hatte Peter sie gebeten, sein Sperma zu schlucken, und sie hatte beweisen wollen, dass sie keine Angst davor hatte. Für sich wertete sie das im Nachhinein damit auf, dass sie es zum Ereignis mit Rickie erhob und so weiter kommunizierte. 251

Sie und Peter redeten nun zunehmend über „zusammen Schlafen“. Was sie daran hinderte war die Schwierigkeit, in dem Haus unbeobachtet zu bleiben.

Zum dreizehnten Geburtstag kaufte ihr Peter schwarze Leggins und ein Matrosenkleid, das für ein jüngeres Mädchen gedacht war. Es war zu eng und zu kurz, »…aber da ich mich gerne sexy anzog, störte mich das nicht.« Peter hörte nicht auf, sie darin zu fotografieren. Er füllte ein neues Album mit den Bildern, doch Margaux störte es, dass er nie eine Vergrösserung davon als Ersatz für jene aufgehängt hatte, die sie als Achtjährige zeigte. 260

Im Geschichtsunterricht schrieb sie Liebesbriefe an Peter. Ihre Kolleginnen wollten wissen, ob sie noch Jungfrau sei. 263

Mommy wurde wieder von ihrer Krankheit heimgesucht. Sie hatte einen Schizophrenie-Anfall und musste hospitalisiert werden. Allein mit Poppa in der Küche zusammen stellte Margaux fest, dass er guter Laune war.

Margaux ging von nun an alleine zu Peter. Auf dem Weg zu ihm wurde sie jeweils von Jungen angemacht. Sie schreibt, dass sie das brauchte. Peter schrieb ihr täglich einen vierseitigen Liebesbrief. Er verlangte, dass sie ihre Scham rasierte. 280

Margaux Fragoso

Nina

In der Zeit kam Nina ins Spiel, eine von Margaux geschaffene Papierpuppe und Fantasiefigur; eine Quintessenz verschiedener realer Frauen, darunter solche, mit denen Poppa in den Bars geflirtet hatte, wenn Momma krank war. „Nina war alles, was meine Mutter nicht war. Sie war neckisch, robust und attraktiv, nicht böse, sondern unanständig, nicht kühl, sondern verrucht. Sie war ein heisser Ofen, sie war Butter. Eine echte Sexgöttin… eine Schlampe… sie war jünger als ich, älter als ich.“ Wäre sie nicht so gewesen, hätte Peter vielleicht bei manchen Taten Schuldgefühle bekommen. „Sie war auf der Welt, um Peter glücklich zu machen. Nina bekam einen Crashkurs in Sachen Männerbefriedigung, indem sie… wahllos Pornos anschaute, in denen Frauen all das taten, was Männer verlangten.“ 285

Die Pornos spendeten Margaux Trost, weil sie ihr zeigten, dass es normal war, was sie mit Peter machte. Wenn sie bei Peter war, musste sie nie an ihre Mutter denken. Peter sagte ihr, dass sie im Hier und Jetzt leben müsse. Aber das Geschichten-Ersinnen ging weiter. Es kamen jetzt die Geschichten mit Nina hinzu. Sie waren „…eine Spielfläche, um ihre sexuellen Fantasien mit gleichaltrigen Jungen auszuleben. Einer musste ein elektrisches Halsband tragen, das Nina per Fernbedienung steuern konnte. Jeden Tag musste er sie oral befriedigen.“ 288

Daneben gab es realen Sex mit Peter. Sie beschreibt detailliert, wie sie sich in täglicher Routine dem blow job hingab. Wenn Peter dabei manchmal ihren Kopf herunterdrückte, schmerzte sie zwar der Kiefer, aber sie begrüsste es, weil er dann schneller kam.

Am liebsten lag sie auf dem Bauch, so dass er sich von hinten auf sie legen und sich an ihrem Hintern reiben konnte, bis er kam. Das erforderte am wenigsten Arbeit und Kraft, und sie war müde, da Peter fast jeden Tag um einen sexuellen Gefallen bat, seit ihre Mutter sie nicht mehr begleitete. Wenn sie nicht auf ihn einging, fing er an zu weinen, sie würde ihn nicht lieben, oder er behauptete, sie fände ihn alt und hässlich. 289

Bis Nina, die Königin und Regentin, kam, fühlte sie sich wie eine Einwegpackung, die man nach dem Auswickeln des Inhalts wegwerfen konnte. Nina herrschte über alles. Sie sagte Margaux, dass sie hübsch sei, und sie glaubte es. „Sie sagte mir, dass ich Macht hätte, und ich glaubte es.“ 291

Etwa zur gleichen Zeit wie Nina entstand auch Peters Alter Ego, Mr. Nasty. Sie sollte ihn mit „Mister“ anreden. Peter brachte ihr die Dialoge bei, die er von ihr hören wollte. Etwa so:

Darf ich an deinem riesengrossen Mannding lutschen?

Vielleicht ist es zu gross für deinen kleinen Mund.

Ich kann ihn aber ganz weit aufmachen. Für meinen Daddy.

Ich mag die Schmerzen, wenn Dadyy mich fickt, weil ich so ungezogen gewesen bin.

Sie spielte Prostituierte, Waisenkinder, Bauchtänzerinnen, Engel, Nymphen, Geishas. Peter war Freier, Vater, Arzt, Priester, König, und der berüchtigte Mr. Nasty.

Manchmal bat sie Peter, sie zu lecken, weil sie fand, dann wäre es wenigstens ausgeglichen. Aber seit dem einen Mal im Keller hatte er es nie wieder oral bei ihr versucht. Er behauptete, er könne es nicht. Damals sei sie jünger gewesen, jetzt sei sie so alt wie jene Frauen, die ihn damals als Junge dazu gezwungen hätten. 292

Peter „entschädigte“ sie für den Sex auf andere Weise, indem er nämlich auf kleine Wünsche im Alltag einging. Etwa indem sie drei Filme hintereinander anschauten, die sie in der Videothek ausgeliehen hatte, obwohl ihn nur einer interessierte. Oder indem er sie zu einem dicken Vanille-Shake einlud. Solches forderte sie, damit er nicht meinte, sie mache es aus Spass.

»Nina hätte gern, dass du sie zwischen den Beinen reibst.« Sie nahm seine Hand. Nina wurde nur durch Fantasien angeregt, in denen Männer Frauen unterlegen waren. Margaux hätte eine Domina sein wollen. 307

Die Waagschale kippt

Und umgekehrt:

»Peter, weisst du, worauf ich jetzt Lust habe? Dass ich mich auf den Bauch lege und du auf mir kommst.« „Ich wusste, dass Peter es …[jetzt] nicht machen würde. Aber eben, weil er es jetzt nicht wollte, wollte ich umso mehr. Ausserdem wollte ich, dass er Schuldgefühle hatte, wenn er auf mir kam, damit er mich anschliessend knuddeln und in den Arm nehmen würde. Ich wusste, dass unser Tauschsystem ungerecht war, doch so bekam ich die Zuneigung von Peter, die ich brauchte…“ 309

Margaux wurde oft von sadistischen oder eher masochistischen Fantasien heimgesucht. Im Winter sah sie Eiszapfen von den Dächern hängen, einige scharf wie Sicheln. Wenn sie die spitzen Dinger sah, musste sie den Blick abwenden, weil sie sich sonst vorstellte, wie sie sich vor dem Spiegel ein Auge ausstach und sie zusah, wie der Inhalt des Auges platzte. 319

* * *

Ihre Mutter musste wieder in die Klinik, zum dritten Mal in diesem Jahr. Peter begleitete sie. In der Notaufnahme vertraute ihm Mommy schlimme Erinnerungen aus ihrer Kindheit an. Er war zu einer Art Begleiter und Seelenberater geworden.

Im Winter bekam Margaux langsam das Gefühl, dass die Waagschale kippte, dass Peter ihr mehr Freude schuldig war, als er ihr tatsächlich zukommen liess. Sie verlangte von ihm, dass er aufhörte, mit Ines, seiner Lebens- und Wohnpartnerin, auszugehen. Jeden Sonntag bekam Margaux Weinkrämpfe, weil sie die Einsamkeit nicht ertrug, wenn er Ines ihr vorzog [Ines war die Lebenspartnerin Peters]. Dabei tat diese nichts für ihn, kein Sex. Margaux beschimpfte Peter, bis er weinte. 321

Das nächste Jahr war das Jahr ihres vierzehnten Geburtstages. Für Peter war jeder Geburtstag ein kleiner Schritt hin zur Apokalypse ihrer Freundschaft. Er sagte, seit sie zwölf geworden war und ihre Tage hatte, hätte ihre Scheide einen gewissen Geruch. Und weil er damals missbraucht worden sei, wäre er nicht in der Lage, sie zu lecken. Sie wagte nicht, ihn daran zu erinnern, dass sie im Gegensatz zu ihm vieles einfach ertrug: Schmerzen und Langeweile, wenn sie ihn befriedigte.

Obwohl er ihr seine Liebe tagtäglich in Briefen erklärte, hatte sie das Gefühl, sie brauche immer neue Beweise dafür. 323

Dann heirateten sie. In einer leeren Kirche. Margaux trug ein reinweisses Kleid, Peter las aus der Bibel vor, sie sprachen den Treueschwur, Peter steckte ihr den Ring an den Finger. Sie war noch Jungfrau. 332

Bemutterung

Peter konnte nicht mehr Motorrad fahren. Zu den chronischen Schmerzen von der Wirbelsäulenverletzung war vermutlich noch Arthritis dazugekommen. Das besserte die Stimmung zwischen den beiden auch nicht.

Ihre Streitigkeiten wurden häufiger und aggressiver, weil er jeden zweiten Tag Sex von Margaux verlangte, ohne ihr dafür eine Gegenleistung anzubieten, sondern ihr auch noch Schuldgefühle machte. Ein paar Mal hatte Peter sie gewürgt. Wenn er dann bereute und lieber tot sein wollte, beschwichtigte ihn Margaux, dass sie dann lieber mit ihm sterben wollte, worauf ihr Peter wieder seine Liebe versicherte. Er ertrage es bloss nicht, wenn sie ihm die Klinge an den Hals setze und mit der Anzeige drohe, erklärte er ihr. Margaux schreibt, dass sie das niemals hätte tun können, weil sie nie den einzigen Menschen auf der Welt verraten hätte, dem wirklich etwas an ihr lag. 340

Peters Vitalität liess nun immer mehr nach. Wenn sie von den Fusstouren zurückkamen, rieb Margaux seinen Rücken mit Babyöl ein, oder er legte sich aufs Wärmekissen. Sie bemutterte ihn. Der Oralsex und die Massagen gehörten in ihren Augen einfach zu seiner Betreuung, und ihr Leben bekam „Sinn und Zweck, während sonst Leere geherrscht hätte.“ Sie war jetzt vierzehn, aber sie fühlte sich wie vierzig. 344

* * *

Peter hatte das Versprechen abgegeben, nicht mehr intim zu werden. Fadenscheinige Begründung: weil sonst die Versuchung für ihn zu gross würde. Er blieb den ganzen Winter seinem Wort treu. Für Margaux war der Gewinn aus diesem neuen Spiel fraglich. Sie vermisste jetzt seine Umarmungen. Seine Küsse fehlten mir unheimlich.“ Auch gab es jetzt keine Pornos und keine anrüchigen Romane mehr. Margaux fehlten die Mädchen aus diesen. 356

Es ärgerte sie, dass Peter allein bestimmen konnte, ob Intimitäten stattfanden oder nicht, und sie sehnte sich danach, in den Arm genommen zu werden. 358

Es folgte ein Suizidversuch von Mommy – nicht ihr erster. Margaux war überzeugt, dass sie ohne Poppa normal wäre. Sie besuchte sie oft zusammen mit Peter in der Psychiatrie, was sehr belastend war. Ohne Peters Begleitung hätte sie es nicht ausgehalten. Poppa bestand auf diesen Besuchen, nach Margaux‘ Meinung nur wegen des äusseren Eindrucks auf die Umwelt. Das sei das einzige gewesen, was ihm wichtig war. Margaux war jetzt 15. 363

Die Sozialarbeiterin

Peter wollte von Margaux Dinge wie, dass sie Karussell fährt, oder dass sie ein Puzzle löst, und das auch noch, als sie, inzwischen 16 geworden, viel zu alt für solche Spiele war. Dafür war sie noch immer Jungfrau. Das Alter wurde auch in der anderen Richtung immer mehr zum Problem. Margaux‘ Wunsch entsprechend hatte Peter versucht, für ihren Jungfrauen-Status Abhilfe zu verschaffen, doch ihre Scheidenmuskulatur hatte sich unwillkürlich verkrampft. Sie getraute sich nicht, ihm zu sagen, dass er älter aussah als die meisten Männer mit sechzig. 379

Um jene Zeit wurde eine Sozialarbeiterin beauftragt, ihr Beziehung zu untersuchen. Peter und Margaux warfen alles, was sie hätte belasten können, vor ihrem Besuch in den Müll. Alle ihre Notizblöcke, die Fotoalben, die Klamotten, die Margaux bei Peter gelagert hatte, die Romane, die Liebesbriefe, Videos und Pornos, die Literatur über junge Mädchen und ältere Männer. Was Margaux erst jetzt von ihm erfährt: er war zwei Tage im Gefängnis gewesen während der zwei Jahre, in denen sie sich nicht sahen. Die Untersuchung gegen ihn war damals ergebnislos verlaufen. 380

Die Frau wollte wissen, ob Peter sie jemals angefasst hatte, worüber sie sich unterhielten, womit sie ihre gemeinsame Zeit verbrachten. Dabei sah sie Margaux die ganze Zeit fest in die Augen. Schliesslich sagte sie Dinge wie: »Es ist an dir, andere Mädchen zu schützen,« [indem sie Peter verraten würde] was Margaux als Witz bezeichnet. Sie schreibt: „Ich schützte längst andere Mädchen, weil ich ihm das gab, was er sich wünschte. So musste er keinen richtig kleinen Mädchen etwas zuleide tun. Ich war ein grosses Mädchen und konnte damit umgehen.“

»Irgend etwas verschweigst du mir,« sagte die Sozialarbeiterin, und gab auf. [385]

Dafür examinierte Poppa sie nun, nachdem er Margaux vor der Sozialarbeiterin verteidigt hatte, ob etwas war mit Peter. Er droht Margaux an, sie völlig zu vergessen und der Strasse zu überlassen, falls etwas gewesen sein sollte mit Peter. Margaux schreibt später, dass Poppa ihr den einzigen Menschen wegnehmen wollte, der sie so akzeptierte, wie sie war. [390]

Palisade Park. Natursehenswürdigkeit und Naherholungszone der urbanen Region, wo Peter und Margaux lebten. Hier die Felsen über dem Hudson River von unten gesehen. Der Lieblingsplatz der Beiden fand sich wohl oben.

Mit Peter zusammen machte sie um jene Zeit herum häufig Ausflüge zum 40 Kilometer entfernten Palisade Park. Dort wurde sie vom Gefühl erfasst, auf einem Schiff zu sein, das immer weiter von der Wirklichkeit forttrieb. Sie hatte inzwischen zu so gut wie niemandem Kontakt ausser zu Peter und seinem Hund Paws. Sie hatte zuletzt Unterricht durch zwei bezahlte Lehrkräfte bekommen, die sie zu Hause aufsuchten, und die sie beide sehr gut mochte, die ihr nun aber fehlten. Nachdem sie sechzehn geworden war, hatte die Verwaltung die Bezahlung eingestellt. Sie lernte für die Prüfung zur Hochschulreife, die sie bestand, doch hatte sie keine Vorstellung, was sie damit anfangen sollte. Nur noch selten sah sie andere Jugendliche, so dass sie nicht daran erinnert wurde, welche Partys, Verabredungen und Discoabende sie verpasste. 392

Streitigkeiten und Kinderwunsch

Mit Peter brach nun aber immer häufiger Streit aus. So wie damals spätabends im Auto, nachdem Peter gesagt hatte, er wolle es nicht noch einmal versuchen, mit ihr zu schlafen. Sie schrie ihn an,, dass er es versprochen habe, dass sie aber im Gegensatz zu ihm ihr Versprechen an seinem Geburtstag eingelöst habe, und das, obwohl sie erst acht war. Das würde ihn zu einem Kinderschänder machen. Da schlug Peter ihr ins Gesicht. Sie blutete. 394

An einem Dezemberabend in Peters Zimmer mass Margaux ihre Basaltemperatur, um sich zu vergewissern, dass sie einen Eisprung hatte. Peter liess das Bett herunter, und sie lag splitternackt da, das Schamhaar abrasiert, das Haar zu zwei Zöpfen geflochten, damit sie mädchenhafter aussah. Als Peter sich mit einem Ausdruck von Traurigkeit näherte, mit seinem sommersprossigen Körper, weiss und alt, spürte sie, wie sich jeder Muskel und jeder Nerv in ihr anspannte. 397

»Liebes, entspann dich bitte«, sagte er, als er in sie eindringen wollte.

»Ich bin erst acht Jahre alt, Daddy, ich will dich. Du hast einen Zauberstab, Daddy. Ich möchte deinen Zauberstab in mir haben. Ich möchte ein Baby von dir haben.«

Sie war jetzt genau doppelt so alt wie damals, als sie Sätze wie diese zum ersten Mal gesagt hatte.

Sie hatte das Gefühl, dass der Kreis, der damals begonnen hatte, sich nun schliessen musste. Obwohl sie nicht erregt war, freute sie sich, Peter in sich zu haben, weil dieser Versuch, neues Leben zu schaffen, die ungezählten Geschenke rechtfertigte, die sie Peter im Laufe der Jahre gemacht hatte. Es war, als würden nun endlich die Probleme einer Achtjährigen gelöst, die lange vor der Zeit ein sexuelles Wesen geworden war, indem sie jetzt die Verantwortung für die neue Bedeutung von Sexualität übernahm. Schiesslich kam Peter in ihr; genau in dem Moment, in dem sie ihn darum gebeten hatte. 400

Der Suizidversuch

Ende des Monats stellte sie fest, dass sie einen roten Flecken in ihrer Unterhose hatte, was hiess, dass nichts aus dem erhofften Kind geworden war. Nach ihrem Empfinden verriet ihr dies, dass ihr Körper „…zu verdorben war, um neues Leben zu empfangen.“ Dieser dunkle, muffige Keller hatte ihr ihr Leben geraubt. An jenem Ort hatte sie sich aufgegeben, ihren Willen Peter zuliebe zerstört, und jetzt besass sie keinen mehr. „Mein Wille war tot, deshalb konnte ich ebenso gut tot sein.“ 400

Sie verfasste einen zweiseitigen Abschiedsbrief, eine letzte Respektbezeugung an Poppa, und fragte sich, ob sie jetzt ihre Ehre zurückbekommen würde. Dann schluckte sie alle Medikamente, die sie im Haushalt ihrer Eltern finden konnte. 401

Als sie auf der Krankenhausstation zu sich kam, fühlte sie sich einsam. Sie hörte Gespräche von vergewaltigten Frauen, die über ihre Vergewaltiger herzogen. Angesichts der Wut, die aus diesen Erzählungen sprach, ging es ihr durch den Kopf, dass Peter ein Kinderschänder war, und jeder hier ihn hassen würde. „Ich liebte ihn dennoch und hatte ihn vor dem Gefängnis bewahrt. Wozu machte mich das?“ 406

Nachdem man sie aus der Psychiatrie entlassen hatte, warf sie alle Medikamente weg, Sie konnte keine Gefühle mehr empfinden. Ihr Interesse, an ihren Romanen zu schreiben, war verschwunden. Peter und Margaux hatten jahrelang jede Woche ein Taschenbuch gekauft, aus dem sie jeden Abend stundenlang vorlas. In dem Zustand nun, in den die Medis sie versetzt hatten, konnte sie die Literatur nicht mehr geniessen.

Dann starb Paws, Peters geliebter und für ihn psychisch wichtiger Hund. Peter brauchte noch mehr Medis, sein Organismus war schon lange vergiftet von einer grossen Zahl davon. Peter war ein Kriegsverletzter, wenn auch nicht im engeren Sinne. Er hatte sich im Korea-Krieg als Handwerker verpflichtet, wo er sich bei einem Arbeitsunfall eine Rückenverletzung holte, die ihm für den Rest des Lebens Schmerzen bescherte. Die Psychopharmaka, die er nun zusätzlich oder vermehrt benötigte, vernichteten den Rest seines sexuellen Verlangens. Margaux: „Der böse Peter, derjenige aus dem Keller, war endlich fort.“ 408

* * *

Sie war jetzt 17. Sie ging aufs College, wo sie frühkindliche Erziehung als Hauptfach belegte. Sie fand Freundinnen und Jungen, die sich für sie interessierten. Mit diesen trank sie vielleicht mal einen Kaffee oder ging sonntags mit ihnen aus. Sie sagte ihnen aber, dass sie noch nicht so weit sei, sie hätte noch nicht verarbeitet, was ihr letzter Freund ihr angetan habe. Das findet sie jetzt, im Nachhinein, gar nicht gelogen, auch wenn es nicht ihr eigentlicher Freund war, den sie damit meinte. Zutreffender findet sie die Umschreibung, „eine Art Vater, der Sex mit mir hatte.

An neue Freundschaften ging sie behutsam heran. Sie hatte oft das Gefühl, dass sie in den letzten Jahren nur ausgesaugt worden war. 410

Peter sah sie jetzt eher selten. Doch wenn sie sich vom neuen Freundeskreis überfordert fühlte, sehnte sie sich nach Peters Zimmer, nach dem Auto und nach Paws. 411

Im Frühjahr wechselte sie an eine Universität, wo Lernen zu ihrer Droge wurde. Dazu kamen kurze Liebesgeschichten mit Malern und Musikern, die natürlich Peters Eifersucht erregten, und ihm sein Alter erst recht bewusst machten.

Eine dieser Liebesgeschichten wurde ernsthafter. Doch Margaux fühlte sich immer noch an ihr Hochzeitsversprechen mit Peter gebunden. Seine Liebesbriefe handelten jetzt von Erinnerungen an Margaux mit zwölf, mit elf, mit acht und sieben Jahren. Oft sprach er von Suizid. Als sie eines Tages von der Uni kam, hatte Peter bei ihrer Mutter einen ganzen Kopfkissenbezug voll Notizblöcken mit allen seinen Liebesbriefen und Fotos aus vierzehn Jahren hinterlassen, für Margaux. Sie klappte zusammen. Die Mutter tröstete sie: „Peter und du, ihr habt euch doch immer mal gestritten, aber ihr vertragt euch auch wieder.“

Tage später sass Margaux zusammengekauert am Boden einer Telefonzelle in der Uni und rief Peter an. Mit nun 21 Jahren fühlte sie sich, als wäre sie wieder neun Jahre alt, oder sieben. Am nächsten Tag holte Peter sie wieder zur üblichen Uhrzeit ab, und sie machten sich auf ihre nachmittägliche Spazierfahrt. Jeden Donnerstag fuhren sie 80 Kilometer auf einen grossen Felsen, ihren gemeinsamen Lieblingslatz im Palisade Park, dem beliebten Erholungsgebiet. 435

Suizid

Peter hatte wiederholt Suizid angekündigt. Margaux war besorgt, sie hatte das Gefühl, auf ihn aufpassen zu müssen. Am Tag, als er ernst machte, war sie an der Uni und absolvierte die Abschlussprüfung in Englisch III. Sie hatte den Ankündigungen nie so wirklich geglaubt. Peter hatte bei ihr zu Hause einen dicken Umschlag abgeliefert und war dann verschwunden. Der Umschlag enthielt nebst vielen losen Blättern, in denen er Abschied nahm, eine Skizze vom Standort des Autos, sowie den Zündschlüssel zu diesem. Die Polizei fand Peters Leiche am Fusse „ihres“ Felsens, wie Margaux sich im Buch ausdrückt – dem Felsen, wo sie beide zu sitzen pflegten.. 440

Noch einmal der Palisade Park mit Blick auf die Felsen. (By Beyond My Ken – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37964496)

Margaux machte sich Vorwürfe, fragte sich aber auch, ob sie sich all die Jahre nicht selber verleugnet hatte. Und: wie viele der Vorlieben, die sie als ihre eigenen betrachtete, stammten wirklich von ihr? Wo hörte Peter auf, und wo fing sie an?

Sie las noch einmal seine Abschiedsbriefe durch und seine Liebesbriefe, um zu verstehen, wie sehr sein Leben ein Tribut an sie gewesen war. Alles, was sie von ihm geerbt hatte, war ein Beweis dafür, dass sie die Person war, die er am meisten liebte. 446,

Kommentar ihrer Mutter: »Er war immer dein Fürsprecher gewesen. Wenn dein Vater dich herunter machte, baute er dich wieder auf.« Sie war überzeugt, dass er jetzt im Himmel war und Margaux‘ persönlicher Schutzengel. 447

* * *

Das Ende der Geschichte ist noch nicht das Ende der Erzählung. Fragoso lässt sie über mehrere Stufen ausklingen. Einige Seiten lang hat Poppa das Wort. Schliesslich kommt Peters Auto zu einer letzten Würdigung. Peter hatte es mit Hilfe eines Kredits von Poppa gekauft, und mit Geld, das eigentlich Margaux gehörte. Margaux geriet mit ihm in eine Unwetterkatastrophe. Sie fuhr in eine riesige Lache, deren Tiefe sie unterschätzt hatte, und Peters Auto starb mit einem letzten Hopser. Margaux konnte sich – welche Symbolik! – nicht aus eigener Kraft aus Peters Wagen befreien, die Feuerwehr half ihr.

Was dann noch kommt sind Erinnerungen, Rückblenden, gestützt auf unzählige Fotos. Von Margaux‘ literarisch nicht immer brillanten Erzählung ist dies vielleicht die gelungenste Passage. Eine funkelnde, atemberaubende Revue der schönsten Bilder, in fliegendem Rhythmus geschrieben. Sie gibt dem Leser zum letzten Mal, verdichtet und entrückt, eine Ahnung von der zauberhaften, unwirklichen Atmosphäre dieser 15 Jahre:

„Auf dem Rückweg von Coney Island parkt Peter den Suzuki während eines Platzregens unter einer Brücke, und wir küssen uns mit der Zunge inmitten von… weggeworfenem Müll. Unter der Brücke, wo uns niemand sehen kann, sind wir [wir! mb.] wagemutiger. Wagemutig in Peters Zimmer bei verschlossener Tür. Am verlassenen Strand.“

„Dort ist der Himmel von Coney Island rosarot… Wir fahren Schlittschuh auf der harten Eisbahn… Jetzt lese ich ihm aus Frankenstein von Mary Shelley vor. Da sind wir in der Kirche: er spricht den 23. Psalm. Ich bin das einzige Mädchen in meiner achten Klasse, das verheiratet ist. Da bin ich hinten auf dem Motorrad, mein Haar löst sich aus dem Pferdeschwanz. Dort liegen wir in einer Wiese im Nationalpark… und warten, dass die Sterne ihre Laserstrahlen anknipsen. … Bilder in Alben, Bilder in der Holzkiste, die ich ihm im Werkunterricht bastelte. Da bin ich mit sieben Jahren beim Radschlagen, ein rosa-weisses Kleid fällt mir über den Kopf… Da bin ich mit zwanzig, lutsche einen Lolly mit Traubengeschmack… Ich lachend in der Sonne, ich mit den Fingern im verwunschenen Teich… Unzählige Bilder von mir mit der verrosteten Giesskanne… Auf der Hängematte, mein Kopf an Peters Brust; er dreht mein Haar um seinen Finger. Auf einem anderen [Bild] ruht mein Kopf auf seinem Arm, sein Gesicht schaut mich im Profil an, meine Augen sind überschattet von Gefühl, seine Augen klar und frisch wie der frühe Morgen. Auf einer Aufnahme, die ich noch nie gesehen habe, sitzen Karen und ich in der Badewanne… Der Fotograf bleibt natürlich unsichtbar. Er ist irgendwo hinter unserer Blickebene, irgendwo in den kahlen Hügeln… im dunklen See, im lachenden Wald. Er erfindet Worte und ihre Begleitmusik, er ist ein Alleskönner, und er ist schön. Er liebt uns so sehr.“ 455

Das sind ihre letzten Worte innerhalb der Erzählung ihrer Kindheit, einer Erzählung, in der sie alles so erzählt, wie sie es als Kind gesehen, empfunden, bewertet hat. Es ist das Ende der Romanze.

Margaux Fragoso, † 23. Juni 2017 in Mandeville, Louisiana.



Das Nachwort

Dann folgt das Nachwort – und mit ihm die Ernüchterung. Es wirkt wie eine Erklärung. Als ob sie als Autorin selber die Enträtselung des Rätsels schulden würde, das ihre Geschichte darstellt. Dann folgen einige schnell hingeworfene Tipps, die zur Verhinderung ähnlicher Fälle helfen sollten.

Die Erklärung holt weit in ihre Herkunft aus. Schon ihre Mutter sei Opfer sexueller Übergriffe geworden. Ihre Grosseltern seien nicht in der Lage gewesen, offen genug damit umzugehen. Sie hätten auf Schweigen gedrungen, und Margaux‘ eigene Geschichte sei nun der Beweis, dass dies falsch war. Denn auch Peters Welt habe ihre verführerische Kraft aus Geheimnissen bezogen. Schweigen und Verdrängen seien aber genau die Reaktionen, auf die Pädophile sich verliessen, Damit übergeht sie wohl den Punkt, dass ihre Mutter weit entfernt vom geringsten Misstrauen gegenüber diesem Mann war, im Gegenteil. Sie glaubte in ihm den idealen Erzieher und Vaterersatz für ihre Tochter gefunden zu haben. Damit verdrängte sie die Tatsache, dass sie bei Peter ihre eigenen unbefriedigten Bedürfnisse zu stillen versuchte. So ergab sich eine parallele Lage von Mutter und Tochter gegenüber Peter, und diese bildete den Hintergrund für das stille Komplott zwischen den beiden; dem Komplott gegenüber ihrem eigenen Mann und Vater. „Verschwiegen“ hat die Mutter dabei nichts, weil sie gar nichts wusste, was sie hätte verschweigen können. Die freundliche, gelöste Atmosphäre in Peters Gesellschaft halfen ihr die Realität zu ertragen, die ihre Krankheit und ihre Ehe ihr auftrugen, und das machte sie blind.

Dann präsentiert Fragoso einen letzten Ansatz. Wie sie selber schreibt, stiess sie erst in der Endphase der Arbeit an ihrem Buch auf einen Text, der ihr Gewissheit in einer lange gehegten Vermutung gab. Ein Gesprächsprotokoll einer Gefängnispsychologin: Conversations with a Pedophile, wurde für sie zum Beweis, „…dass ein Sexualstraftäter Ausschau hält nach Kindern aus zerrütteten Familien wie der ihrigen, aber ebenso…“ nach Kindern normaler Familien. Und dann folgt ihre Quintessenz aus dem Ganzen:

»Pädophile sind Meister der Täuschung, weil sie Meister der Selbsttäuschung sind: Sie reden sich selber ein, ihr Tun schade niemandem.« 459

Der Satz hat seine Reise um die Welt angetreten. Das Buch wurde gleich zu Beginn in 17 Sprachen übersetzt, später in mindestens 20.

Und der Satz leuchtete ein.

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Und nun noch mein Nachwort:

Fragosos romanzenhafte Memoiren oder tagebuchgenaue Romanze eröffnen einen Tiefblick in das Zusammenleben eines extrem alters-gemischten Paares, wie sie es mit dem 44 Jahre älteren Peter bildete. In Besprechungen wird, bestürzt oder billigend, die vergleichsweise genaue Wiedergabe der sexuellen Episoden hervorgehoben. Kaum eingegangen wird auf eine weitere Dimension, auf der Fragoso laufend sehr klare Auskunft gibt: jene der Macht. Manche Szenen oder langanhaltenden Themen im Buch sind ein Seilziehen zwischen zwei ungleich potenten Akteuren, von denen jedoch auch der Jüngere durchaus Macht zu gewinnen versteht. So etwa durch das Erzeugen von Schuldgefühl beim Älteren, womit dieser zu Zärtlichkeiten veranlasst werden sollte („Ausserdem wollte ich, dass er Schuldgefühle hatte, wenn er auf mir kam, damit er mich anschliessend knuddeln und in den Arm nehmen würde…“ S. 309). Peter seinerseits warf Margaux, in ebensolcher Absicht, Schuldgefühle zu erzeugen, vor, ihn wegen seines Alters zu verachten, was ihr einiges Entgegenkommen abrang.

Das Spiel mit der Macht verschafft auch dem an sich unterlegenen Kind Freiheitsräume von variabler Grösse, die ihm das Aushalten in seiner Position erleichtern können und den Gewinn daraus zu vergrössern helfen. In diesem Sinne ist der Einblick, den Fragoso uns in dieses Geschehen gibt, instruktiv.

Dieselbe Buchstelle enthält auch einen Hinweis auf eine weitere Dimension, auf der die Dynamik voranschritt und rückblickend zu begreifen ist. Fragoso erwähnt in der Fortsetzung obigen Zitats den Begriff des ‚Tausches‘:

„Ich wusste, dass unser Tauschsystem ungerecht war, doch so bekam ich die Zuneigung von Peter, die ich brauchte… „

Das war, als sie längst die Altersschwelle von 12 überschritten hatte. Die zunehmenden Streitigkeiten beweisen, dass die Tauschrelation für beide Seiten immer weniger stimmte. Und das, weil für jeden der Beiden die körperliche Attraktivität des anderen abgenommen hatte. (Bizarrerweise war für Beide von da an der jeweils Andere in immer stärkerem Ausmass zu alt.) Schon vorher war die Balance zwischen Geben und Nehmen schief, weil Peter sich weigerte, Margaux das zu geben, was er seinerseits von ihr durchaus verlangte – und sie umgekehrt ihm nicht schuldig geblieben war: oralen sexuellen Dienst. Dieses Ungleichgewicht kennzeichnet die Bindung zwischen den Beiden durch die Jahre, und wurde von Beiden ausgehalten – weil sie aneinander hingen, weil es für Peter je länger je weniger Ersatz gegeben hätte, und weil Margaux diese Bindung samt der belastenden Bedingungen einem Rückzug ins Elternhaus bei weitem vorzog. Insgesamt war der Gewinn, der für sie aus diesem Verhältnis herausschaute, eben doch ungleich grösser als der Gewinn, den sie von ihrem Poppa hätte erwarten können.

Margaux tätigt dazu im Buch die an Klarheit nicht zu überbietende Aussage, dass Poppa „…ihr den einzigen Menschen wegnehmen wollte, der sie so akzeptierte, wie sie war.“

Der hohe Wert, den Peter für sie hatte, erklärt nach Margaux‘ eigenem Bekenntnis ihr unbedingter Wille, ihr Geheimnis zu wahren: weil sie nie den einzigen Menschen auf der Welt verraten hätte, dem wirklich etwas an ihr lag. 340

Eine Vaterfigur musste ihr trotz des Verzichts auf Poppa nicht gänzlich fehlen, selbst wenn Peter in der Wahrnehmung dieser Rolle in schiefem Lichte dasteht. Margaux findet für ihn die Umschreibung, „eine Art Vater, der Sex mit mir hatte,“ zutreffend.

Margaux Mutter vergleicht diese beiden Väter in ihrem Machtverhältnis zu Margaux: »Er [Peter; mb] war immer dein Fürsprecher gewesen. Wenn dein Vater dich herunter machte, baute er dich wieder auf.«

Peters Normverletzungen rechtfertigt das dennoch nicht.

_________________________

1 Galey, Iris, I couldn’t cry when Daddy died. London 1986

2 Margaux Fragoso: „Tiger, Tiger“. Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer. Frankfurter Verlags-Anstalt, Frankfurt am Main 2011. 341 S.

3 Obiger Text folgt, wenn nichts anderes vermerkt, der Besprechung im DailyMail:

http://www.dailymail.co.uk/news/article-1363538/Truth-fiction-A-young-girls-graphic-account-15-year-relationship-paedophile-age-seven.html

4 Daily Mail.


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