À celui qui m’a sauvé la vie,
Aux filles de la DDASS.
(In Arbeit)
Der dritte autobiografische Roman von Eva Ionesco heisst Grand amour und lebt von drei Schwerpunkten: von Eva’s Liebe zum 28jährigen Charles Serruya, von der drohenden Intervention durch das Jugendamt und dem, was daraus wurde, und – noch immer, aber mit schwindender Bedeutung – von ihrer Mutter (oder ihrem Verhältnis zu dieser).1 Gewidmet ist das Buch „dem, der mir das Leben gerettet hat“, und den Mädchen der Jugendanstalten.
Als weitere Quelle neben dem Roman steht mir noch ein Interview zur Verfügung, welches im Jahre 1978 erschien, in dessen Mitte Eva dreizehn wurde. Veröffentlicht wurde es in einer Nummer des extravaganten Magazins Façade, welches schon in seiner ersten Ausgabe von 1976 Eva auf der Titelseite portraitiert – oder eher karikiert – hatte.

Titelseite der ersten Nummer von Façade. Eva war damals 11, also sehr klein für das, was sie gerade im Zug war, zu tun. Letzteres deuten ihre Augen an: Sie schielen nach dem Eiffelturm, dem Symbol für Paris. Sie ist dabei, es zu erobern. Jedenfalls das Paris der Nacht.
Der Titel erschien in unregelmässigen Abständen und pflegte jeweils keine näheren Angaben zum Datum zu machen als das Jahr. In dieser Nummer nun prangte auf dem Cover ein Portrait des berühmten surrealistischen Malers Salvador Dali, und auf dem rückseitigen Deckblatt war wiederum Eva zu sehen. Im Inneren kam sie dann selber zum Wort, im Rahmen des Interviews, welches in ein Horoskop eingebettet war. Sie kann damals nicht viel mehr als 13 gewesen sein, da die Vorbereitungszeit für ein unregelmässig erscheinendes Magazin sehr lange sein kann.

Salvador Dali auf dem Cover von Façade Nr. 8, erschienen 1978, mit Eva Ionesco auf der Rückseite.
Das Interview in Façade.
Façade: [weist darauf hin, dass Eva’s Horoskop sexuelle Abenteuer erwarten lässt,]
Eva: Ja, ja. Ich liebe es, im Auto Liebe zu machen
Das konnte noch eine Anspielung auf die sexuellen Ereignisse im blauen Buick des Rockers Gene sein, die noch vor Weihnachten 1976, also mit kaum 11 1/2, geschahen. Es könnte sich aber auch bereits auf Charles Serruya beziehen, mit dem Eva damals herumzog, oft auch mit dem Auto. Jedoch macht sie, obwohl sie mehrfach Liebesszenen mit ihm eingehend und enthusiastisch erzählt, keine Andeutungen auf Sex im Auto.
Dann verweist sie kurz auf Maladolescenza, und dass sie dort ihre erste sexuelle Erfahrung gehabt habe.
Weitere Antworten geben ein Bild von ihrer Befindlichkeit damals, auch wenn sie dabei kokettiert oder schlicht übertrieben haben mag – oder ganz einfach ehrlich war:
Façade: Was interessiert sie an der Schule am meisten?
Eva: Oh, Schule… Ich bin aus drei Lycées heraus geschmissen worden in den letzten Monaten, wegen meiner Kleider… und wegen Schwänzens auch… Ich würde gern bis zum Bac [Abitur] weitermachen, weil man nicht sein ganzes Leben lang seinen Arsch zeigen kann. [Eine Anspielung auf ihre Nackt-Fotos,und dass sie von diesen nicht wird leben können.]
Façade: [spricht sie auf ihre „Nervosität“ an]
Eva: Ja, ich bin sehr nervös. Gestern, als ich um sieben Uhr morgens nach Hause kam, gab es Streit mit Mama. Sie drohte mir, mich in ein Internat zu stecken. Ich habe mit den Füssen in ihre Wachsfiguren-Sammlung geschlagen, habe das Telefon herunter geschmissen, die Nachbarn haben geschrien und die Polizei geholt… ich habe mich unter dem Bett versteckt… craignos!
Der Interviewer fragte sie dann, ob sie sich auch gelegentlich als gut erzogenes Mädchen benehme?
Eva: Wenn sie etwa mit der Mutter eine Vernissage besuche, dann schminke sie sich ab und würde die Kleinbürgerliche mimen. Aber lieber spiele sie die Provokante, ginge mit Shorts durch die Metro, mit allen Typen, die ihr auf der Ferse folgen und sie betatschen würden. Dann schreie sie zwar auf, aber sie liebe es.
Die Provokante spielte sie vielleicht auch mit dieser Antwort im selben Interview:
„Im Moment bin ich in zwei Jungen gleichzeitig verliebt…. und dann träume ich davon, mit einem meiner Professoren Liebe zu machen, einfach so, nach der Schule!“
Dann erzählt sie noch kurz von einer Gechichte, die durch die Pariser Skandalpresse ging. Das war damals, als sie mit Freunden vor dem Café Chez Angelina sass und sturzbetrunken war. Sie zog sich gänzlich aus und pisste vor dem Lokal. Sie wurden alle rausgeschmissen und des Lokals verwiesen.
* * *
Wie man sieht, nahm Eva in jenen Jahren ein grosses Mass an Freiheit für sich in Anspruch. Noch gab es da allerdings ihre Mutter. Im Buch gestaltet nun die erwachsene Eva folgenden Dialog zwischen ihr und ihrer Mutter:
Irène: „Erzähl mir alles, mein Mädchen – wo schläfst du, wenn du nachts durch Paris streifst?“
Eva: „Bei meinen Freunden … ich darf das doch … ich gehe genauso aus wie sie…“
Darauf schaltete Irène ihre beiden Fotolampen ein. Eva sah in den Spiegeln ihr eigenes Gesicht, und hinter ihrer platinblonden Haarpracht blutrote Laken, die sich blähten. (S. 67).
Irène: „…eine wunderschöne Kulisse – du wirst posieren.“
Eva: „Ich will nicht mehr posieren; der Richter und die Sozialarbeiterin haben dir verboten, Fotos von mir zu machen.“
Irène: „Dann werde ich der Sozialarbeiterin erzählen, dass du auswärts übernachtest, und sie wird einschreiten. Wenn du weiterhin ausgehen willst … dann posierst du auch weiterhin.“
Eva: „Du hast kein Recht dazu!“ (S. 67–68).
Irène [verweist auf Instrumente, die vor ihr liegen]: „Das sind medizinische Instrumente für gynäkologische und zahnärztliche Eingriffe… Du wirst damit spielen, dich mit deinem Schulranzen hinstellen und die verträumte Schülerin spielen, mit dem Po in die Luft gestreckt.“
Daneben lagen schwarze Strümpfe und Lederhandschuhe, die sie anziehen sollte…
Irène: Danach machen wir noch ein paar Sachen mit dem Bondage-Seil. Du wirst dich damit umwickeln, du weißt genau, wie das geht, das Seil, das du so magst… das, das für die 50er-Jahre-Szene mit… Gene und seiner Frau Dora verwendet wurde … wo du nackt warst, die Muschi an die Jukebox gedrückt, und wo sie dich gefesselt haben.“ [Gene war der kriminelle Rocker mit dem blauen Buick, mit dem Eva mit rund 111/2 ihr „erstes Mal“ hatte – und noch einige Male dazu. Siehe Teil II ]
Darauf Eva:
»An jenem Abend posierte ich unbeholfen – nackt, die Beine leicht gespreizt, die Tasche auf dem Rücken, spielte mit den gynäkologischen Instrumenten, zu meinen Füßen ein Globus und eine Pyramide aus geädertem Glas. Nachdem ich mich umgezogen und mein Kleid wieder angezogen hatte, tauchte Gabriel Matzneff auf.«
[Gabriel Matzneff:] “… komm, setz dich auf meinen Schoß.“
„Nein …“
| Gabriel Matzneff G.M. Ist ein sehr bekannter französischer Schriftsteller, dessen sexuelle Vorliebe für junge Mädchen und Jungen spätestens seit der Veröffentlichung seines Buches Les Moins de Seize Ans [„Die Unter-16-Jährigen“, erschienen 1974] deutlich wurde. Er verteidigte seine sexuellen Affären mit Kindern auch bei Auftritten in der Öffentlichkeit, etwa im Fernsehen. In prominenten Literaturkreisen wurde dieses libertäre Denken zunächst akzeptiert und von eminenten Vertretern der Literaturkritik gegen Einwände verteidigt. Der prominente Journalist und Literaturkritiker Bernard Pivot lud Matzneff insgesamt fünfmal in seine Sendungen im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen ein und stellte am 12. September 1975 auf Antenne 2 auch Les Moins de Seize Ans vor. 1977 verfasste G.M. einen offenen Brief, der in der Tageszeitung Le Monde [eine der bedeutendsten Frankreichs] veröffentlicht wurde in dem er die Freilassung von drei Inhaftierten verlangte, denen sexuelle Handlungen mit 13- und 14-jährigen Jungen und Mädchen vorgeworfen wurden. Zu den Unterzeichnern des Appells zählten etwa sechzig prominente Intellektuelle, darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Gilles Deleuze, Guy Hocquenghem, Louis Aragon, Roland Barthes… und der spätere Kulturminister Jack Lang. Der Brief wurde in der Tageszeitung Le Monde veröffentlicht. Vor dem Hintergrund der stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die problematische Seite der Pädophilie … sah sich Matzneff zunehmend isoliert. Trotzdem wurde er noch 2013 mit einem renommierten Literaturpreis geehrt. Einige der Mitglieder der Vergabe-Jury erklärten später, sie hätten sich auch deshalb für Matzneff entschieden, weil sie ihn als Opfer eines Medienbanns und von öffentlicher Anprangerung gesehen hätten. Der Autor hatte in Anerkennung seines literarischen Werks aus einem staatlichen Fonds noch 2019 eine Art Rente bezogen – in zwei Jahrzehnten insgesamt etwa 160.000 Euro. Die Zahlungen wurden 2020 eingestellt. (Nach https://de.wikipedia.org/wiki/Gabriel_Matzneff.) |
»Er verspottet mich, tätschelt meine Wangen, zwickt meine Brustwarzen und zupft an einer Haarsträhne. „Blondine …“ Ich erinnere mich nicht, ob es an diesem Abend war oder eher vor meinem zwölften Geburtstag. Gabriel lud sich selbst zu Irene ein. Er holte seinen steifen, rosafarbenen Penis heraus, den ich streichelte, und schob mir verstohlen seinen Zeigefinger zwischen die Schamlippen. Er redete, er lachte, und sie rollte sich zusammen und verkroch sich in ihre Kissen.«
»Gabriel sprach häufig von seinen sexuellen Erfahrungen mit Kindern und verlangte von Irène, mich ihm für Gruppentreffen auszuleihen.« Irène erwartete von Gabriel im Gegenzug finanzielle Unterstützung für ihre rechtliche Verteidigung vor dem Jugendgericht.
Eva sah sich folglich in einer Falle stecken. Sie fürchtete, dass ihre Mutter vor Gericht Recht bekommen würde. »…seltsamerweise veröffentlichten die Zeitungen weiterhin Fotos von mir, ohne dass sie jemand daran hinderte, diese zu verkaufen. Der Jugendrichter war zweifellos manipuliert worden.« (S.70-71).
Eva in New York – Die Verhaftung
Anfangs Februar 1979 flog Eva mit ihrer Mutter nach New York. Dort stiegen sie im berühmten Hotel Waldorf Astoria ab. Der Aufenthalt ging auf Rechnung eines Verehrers der Mutter (oder vielleicht eher von Eva), den sie den ‚Lord‘ nannten. Sie kannten ihn von einem früheren Aufenthalt her, als der Mann noch in London wohnte. Er hatte den ersten Band mit Bildern von Eva herausgebracht [siehe meinen Teil I]. Als Gegenleistung wünschte er sich nun, dass ihm Eva für eine Foto-Session Modell steht. Doch sie verweigerte sich seinem Wunsch kategorisch.
Kurze Zeit später wurde Eva von ihrer Mutter im Hotelzimmer überrascht, als sie sich Heroin spritzte. Die Mutter schrie auf und löcherte dann ihre Tochter mit Fragen. Eva steigerte sich nach einem bei ihr bekannten Muster in einen Wutanfall und zerstörte den TV-Apparat. Die Rechnung ging an den Lord, der darauf hin seine Unterstützung quittierte. Eva und Irène sahen sich zur Dislokation in ein bescheideneres Hotel gezwungen. Eva’s Rauschmittelkonsum sollte bald Folgen haben, die noch tiefer in ihre Biografie einschneiden würden.
Vorerst erkundete sie ein gerade höchst angesagtes, für Eva aus ihrer Welt heraus nahe liegendes Ziel: den Nightclub Studio 54 – wenn man will, das New Yorker Pendant zum Pariser Palace, für das Eva als Maskottchen stand und wo sie, seit sie 12 war, dazu gehörte. In Wirklichkeit war die New Yorker Ausgabe eher das Modell und der grössere Rivale. Zum Teil war es dieselbe Promi-Blase, die an beiden Adressen aufkreuzte, und das öffnete Eva die Tür. Ihr erster Anlaufpunkt in New York war folgerichtig Edwige Belmore, Türsteherin am Palace, Punkband-Leaderin, Model bekannter Modemarken und Sexualpartnerin Evas in einer intensiven lesbischen Nacht, als sie 12 war (siehe Teil II). Edwige hatte seit längerem einen Fuss in Amerika, und ihr Gesicht figurierte neben dem von Andy Warhol, seit das Façade die beiden in einer genialen Serigrafie zusammengebracht hatte. Eva, die ja ihrerseits schon zweimal das Cover des Magazins geziert hatte, will ihm im Studio 54 begegnet sein. Interessant ist ein weiteres Pendant. Eva soll gemäss ihrem zweiten Buch mit 10 oder 11 von Louis Malle gefragt worden sein, ob sie in seinem Film Pretty Girl die Hauptrolle übernehmen wolle, und hatte abgelehnt. Das Mädchen, an das die Rolle dann ging, hiess Brooke Shields. Sie ist fast auf den Monat genau gleich alt wie Eva. Auch von ihr gab es schon vorher Nacktaufnahmen, nur waren sie nicht von der Mutter gefertigt, sondern bloss von dieser in Auftrag gegeben worden.
Das nächste Ereignis in Eva’s New Yorker Aufenthalt hatte wieder mit Drogen zu tun. In Eva’s eigenen Worten:
»Der Dealer wohnte in der Nähe der Avenue A. Ich blieb im Taxi sitzen und kaufte nur das Nötigste… [Zurück im Hotel:] Die labyrinthischen Gänge des Wellington schienen endlos; das Zimmer war ganz am Ende. Das grelle weiße Licht blendete mich, und ich fröstelte. Als ich eintrat, warfen mich Männer zu Boden. Einer hielt mir eine Pistole an den Nacken. „Nicht bewegen, Mädchen, Arm hoch!“ Ein anderer legte mir Handschellen an, und ein Dritter durchsuchte mich, bis er das weiße Päckchen in meiner schimmernden Handtasche fand. Irène, schweißgebadet und an die Wand gepresst, beobachtete das Geschehen, sichtlich erfreut. „Ich habe angerufen. Du darfst keine Drogen nehmen.“«
»Ich verstehe, dass sie mich verpfiffen hat, ins Gefängnis, zum Jugendamt, für immer. Dass es ihr Wille war, der Wille meiner Mutter, mich der Polizei auszuliefern, dass sie sich rächte.« (S. 122–123)
Eva wurde mit Blaulicht und Sirene auf die Polizeistation geführt, wo weitere Fragen an sie gestellt wurden. Schliesslich gelang es Iréne, den Mann ihrer verstorbenen Mutter und Halbschwester aus Chicago herbeizurufen. Als vermögender Mann übernahm er die finanzielle Seite. Irène konnte noch rechtzeitig die Sitzplätze bei Air France auf einen früheren Termin umbuchen, und die beiden verschwanden fast unversehens aus den USA.
Die Platzierung
Wieder in Paris trafen sich Irène und Eva mit Frau Chenu, der engagierten Sozialarbeiterin, die der Leser aus Kapitel II kennt. Zu dritt betraten sie das Kabinett, in dem der Jugendrichter auf sie wartete.
»Wir setzen uns nebeneinander, ich sitze in der Mitte und schweige bis zur Unkenntlichkeit, mit dem Gefühl, ein Gift zu schlucken, für das es in diesem Fall kein Gegenmittel gibt. Der Richter stellt mir nicht die geringste Frage… während er meine Festnahme erwähnt, die schwerwiegend ist und, wie Frau Chenu hartnäckig betont, Drogenbesitz bedeutet.«
Irène sagte:
„Es ist schrecklich, ich kann es im Moment nicht mehr mit meiner Tochter schaffen, sie entgleitet mir, ich kann sie nicht mehr kontrollieren, ich kann nichts mehr tun, Herr Richter.“
Mit Hilfe der Sozialarbeiterin entschied er, dass Eva als Notfall in ein Sportstudienzentrum eingewiesen wurde.
[In ihrem Film „I’m not your (fucking) Princess“ wird Eva viel früher in einer Jugendanstalt untergebracht. Auslöser ist dort das Wegrennen von Violetta mit etwa 11 Jahren. Die Eva als Filmautorin wollte damit sagen, dass sie sich viel früher von ihrer Mutter hätte trennen sollen.]
Sie wurde per Auto in ein Landgut gebracht, zwei Stunden von Paris entfernt. Ausflüge waren dort nicht vorgesehen, ebenso wenig wie Telefongespräche, außer mit der Mutter. 130/31
Um dem Training entgehen zu können, machte sie Schmerzen geltend. Die Umstehenden entlarvten sie als Nicht-Sportlerin. Sie sagte gerade heraus, dass sie Entzugserscheinungen hat. Die Direktorin forderte sie auf, unverzüglich ihren Koffer zu packen.
Es stellte sich nun die Frage ihrer Platzierung. Mme. Chenu sagte, dass der Bericht des Psychologen nicht günstig für die Mutter ausfalle. Für eine Platzierung falle sie ausser Betracht. Vor allem wäre sie zu alt dazu [als ob das das Problem gewesen wäre mit dieser eiskalten Egozentrikerin…].
Und sie fragte, ob es stimme, dass Eva einen fiancé hat [einen Verlobten – so nannte Eva ihren Freund Charles]. Sie verweigerte die Antwort unter Hinweis auf ihre Intimität. Mme. Chenu gab ihr recht. Eva wusste in jenem Moment noch nicht, dass ihr dieser inzwischen 29jährige gegenüber dem Jugendamt und Staat das Leben erleichtern wird, und dass dank ihm schliesslich ihr Verhältnis gegenüber diesen Instanzen zu einem erstaunlichen Ende kommen werden.
Vorerst genoss sie das Leben in Paris und das Zusammenleben mit ihm, seine Liebe zu ihr, auch die sexuelle. Charles‘ Eltern waren verreist, sie logierten in ihrer Wohnung, dann in Wohngemeinschaft mit Leuten aus der Palace-Bande. Einmal unternahmen sie einen Ausflug und wollten in einem Hotel übernachten. Eva besass keinen Ausweis. Charles gab sie als seine Schwester aus, und man glaubt ihm. Doch die ganze Zeit schwebte die drohende Platzierung in einem Centre über ihr, sie wartete nur auf den Entscheid.
»Ich hatte kindliche Freude daran, mich mit ihm in der Wohnung seiner Eltern einzuschließen; ich wollte, dass er mich ganz und gar schätzte, mich und meine Jugend. Das junge Mädchen, das ich war, machte sich für ihn fertig; ich liebte es, seinen verzückten Blick zu bewundern, wenn er meinen Körper musterte, und das Aufkeimen seines Verlangens an meinem Bauch zu spüren, während die Morgendämmerung anbrach. „Du bist schön, du bist mein Engel, ich liebe dich.“ Mit halb geschlossenen Augen träumte ich davon, für immer so zu bleiben, da ich in Wirklichkeit keinen anderen Zustand an der Seite eines Mannes kannte, als der, in dem die Liebe geteilt wird – das Einzige, was zählt. Ich gab mich seinem Verlangen hin, dem Verlangen, mich zu besitzen, geschützt vor dem Schrecken, liebten wir uns leidenschaftlich. Wir verbrachten lange Stunden damit, uns abwechselnd Gedichte vorzulesen, wir träumten von Reisen in exotische Länder, dank der Kraft der erlösenden Liebe schlossen sich meine inneren Wunden.« (S.139)
Dann schlug der Staat wieder zu. Forges-les-Bains hiess das Kaff etwas ausserhalb von Paris. Die Unterkunft war schlecht, Besuche und Urlaube nicht vorgesehen. Als Eva rebellierte, entgegnete ihr die Direktorin, dass sie wegen der Gefahr hier sei, der sie mit ihrer Mutter und den Fotos ausgesetzt sei. Das ärgerte Eva, weil die Zeit, als sie von ihrer Mutter fotografiert wurde, definitiv vorbei war. Die Justiz reagierte zu spät auf eine Gefahr, die nicht mehr existierte. Im Buch deutet sie noch etwas unter dem Begriff „Inzest“ an – »Es ging darum, der Pornografie und den skandalösen, inzestuösen Beziehungen zu entkommen, an denen sich meine Mutter ergötzte; sie spielte die Schuld immer wieder nach und versuchte, dem Inzest, aus dem sie hervorgegangen war, einen künstlerischen Sinn abzugewinnen. Darauf konnte niemand eine richtige Antwort geben, weder Erzieher noch Richter…«
Die Zustände in dem Heim waren prekär:
»Das geistige Elend betäubte mich… Die Wahrheit war, dass ich wie eine Ratte in einem Käfig gefangen war. Ich wurde mit drei anderen Kindern in ein Zimmer gesteckt, zwei von ihnen waren inkontinent und eines der drei defäkierte im Bett. Sie waren ihren Familien entrissen worden und befanden sich in einem gefährlichen Zustand, was man ihnen ansah. Das größte Kind war geschlagen worden, seine Gliedmaßen waren geprellt…« (S.145).
Die Erzieher und Psychologen schildert Eva als verschlagen, müde und gereizt und wenig Mitgefühl zeigend. Die Angst, in ein noch schlimmeres Heim zu kommen, bestimmte vieles. Manche verschlossen sich in Schweigen, die anderen lernten, sich zu verstellen. Eva zählt sich zu dieser Gruppe. Der Unterricht verlief in größtem Chaos; und Eva und die anderen Kinder stellten ziemlich schnell fest, dass Erzieher und Lehrer sich einen offenen Krieg lieferten.
Ganz blickte Eva aber nicht durch. »Erst ein fünfundzwanzigjähriger Erzieher, der seinerseits auf der Suche nach sich selbst war, brachte mich auf den richtigen Weg – es war Lucien. Lucien führte mich in den Wald; er mochte meinen streitlustigen Geist, der von Prahlerei und Rebellion beseelt war. Auch er wollte rebellieren, und da er mich reif und verführerisch fand, küsste er mich und erklärte, dass er mich sofort haben wolle. Er zwang mich, mich hinzulegen, und drückte mich fest an sich. Ich wollte nicht mit ihm schlafen, er zog mich aus, ich ließ es geschehen.« Eva erkannte in ihm einen möglichen Fluchthelfer. Sie wollte nicht länger im Zimmer mit den Kleinen schlafen, und auch sonst…
»Ich war schon seit über zwei Wochen in Forges, ich faszinierte Lucien, ich wusste viel mehr über das Leben als er, der Orientierungslauf war die perfekte Gelegenheit, um zu fliehen, also nutzte ich sie, und er half mir. Ich vollendete meine Flucht allein, fand die … Straße wieder und machte mich zu Fuß auf den Weg. Schon bald machte ein Auto eine Kehrtwende, und zwei Erzieher stiegen aus. Ich musste widerwillig wieder in den kleinen Wagen steigen. Zurück im Zentrum musste Lucien, in die Enge getrieben, Rechenschaft ablegen…, was zu seiner sofortigen Entlassung führte, ebenso wie zu meiner.«
Sie hatte gehofft, nach Paris zurückzukehren, doch daraus wurde nichts; der Kleinbus brachte sie weit weg, und sie landete in einem katholischen Internat.
»…Ich glaubte, ich würde wahnsinnig. Die Direktorin bat mich, in ihrer Einrichtung keinen Ärger zu machen; ich würde nicht lange dort bleiben… Ich machte mich auf die Flucht, doch sobald ich mich den Toren näherte, gingen Lichter an und ein Hund bellte. Ich spürte, dass die Stadt nicht weit war; ich genoss die Freiheit und das Vergnügen des Ausreißens, ich wollte Charles wiederfinden. Charles, Charles, Charles, sagten die Mädchen lachend, dass ich im Schlaf redete; ich antwortete ihnen, dass ich sie hässlich und dick fände, dass sie nicht wie Mädchen, sondern wie Schinken aussähen und man keine Lust hätte, sie zu vögeln. Sie sprachen kein Wort mehr mit mir und mieden mich, umso besser… Eines Morgens erfuhr ich, dass ich nach Paris zurückkehren musste, da das Internat mehrere junge Mädchen in sehr schwieriger Lage aufnehmen würde; diesen Mädchen in „sehr schwieriger Lage“ verdankte ich also meine Rückkehr in die Hauptstadt.« (S.147-148)
Sie genossen zusammen die Tage vor der nächsten Platzierung Eva’s, machten Ausflüge iaufs Land, es war Frühling, sie liebten sich. Aber Eva wusste, dass das alles nur auf Abruf war, sie fürchtete, dass die nächste Einschliessung härter ausfallen würde, Und so war es.
Im Spätfrühling stand Eva wieder vor dem Richter. Sie nahm zur Kenntnis, dass ihre Mutter das Sorgerecht für sie verlieren wird. Eva sieht das so, »…dass ich fortan dem französischen Staat gehöre, aber dass meine physische Person endlich Irene entkommt – in diesem Punkt habe ich endlich gewonnen.«
Der Richter wies sie in ein Kinderheim in Orsay-Ville bei Paris ein. Dort musste sie sich zu Schulbeginn im September einfinden. (S.161). Eigentlich wäre es der erklärte Sinn dieser Massnahme, Eva zu schützen. Sie aber empfand, dass „alles die qualvolle Form einer Strafe annimmt“. (162)
Hoffnung macht ihr Charles. Er wollte Chenu einen Brief schreiben und ihr die Wahrheit sagen, dass sie sich liebten. Dann könnte er vielleicht die Erlaubnis bekommen, Eva im Zentrum zu besuchen. (S.166).
Sie verbrachten einige Hochsommertage an der Côte d’Azure mit Leuten aus der Bande, darunter natürlich Christian. Sie hatten kaum Geld, übernachteten am Strand oder irgendwo. Eva nahm an Gewicht zu, vom Pain Bagnat und vom Malibu.
Dann wurde sie unerwartet auf der Straße von der Polizei angehalten, den Grund erfährt man im Buch nicht. Sie ist weggerannt, als man sie nach dem Ausweis fragte. Die Polizei wusste Bescheid wegen des Richters und des Jugendamts. Sie brachten sie in einem Kleinbus zu einer von Stacheldraht umzäunten Einrichtung. (S.166)
»Das Zentrum wirkte auf mich unpersönlich und armselig, ähnlich wie Krankenhäuser, Anstalten, Sozialämter oder Polizeistationen; zweifellos war es wieder einmal das Vorrecht einiger Mächtiger, und es fiel schwer, die starke Wirkung der untersten Stufe der sozialen Leiter nicht zu spüren.« (S. 171–172).
Hier waren sie zu viert in einem Zimmer. Um zehn Uhr war Lichterlöschen, dafür hatte man Anrecht auf wöchentlich vierzig Minuten Ausgang ins Freie, was einem den Besuch im Tabakladen oder beim Frisör erlaubte.
Beobachtungen und Gespräche mit andern Insassinnen führten sie zu Reflexionen über ihren eigenen Körper:
»Was war eigentlich mit meinem tauben, lästigen Körper passiert, mit diesem Körper, den alle so sehr genossen hatten? Genau, natürlich, da waren die Nacktszenen, unsere Liebesszenen in Maladolescenza, die zensierten Aufnahmen, in denen ich in Spermula vor dem Team masturbierte, Roman Polanskis Hände auf meinem Geschlechtsteil. Und die von der Schar charmanter Fotografen, die Besuche von Gabriel Matznef, die Einladungen von Borowczyk [ein damals als genial verehrter Filmemacher]. All die Magazincover, auf denen ich nackt, geschminkt und mit gespreizten Beinen zu sehen war, Zoom, News Reporter, die Klatschblätter auf der ganzen Welt. Als jüngstes Emblem der Erotik konnte sich die Lolita aus Fleisch und Blut, die ich war, ihr Geschlecht nicht konkret gegen meines vorstellen – ich war ein reines junges Mädchen.« (S.175-176).
* * *
Die Tage in Orsay-Ville nahmen kein Ende. Sie konnte nicht akzeptieren, vom Staat abhängig zu sein. Von Beginn ihrer Aufnahme an weigerte sie sich, dem „brutalen Ansturm der inquisitorischen Fragen“ der Sozialarbeiter und Psychologen zu ihren Verletzungen, ihrer Sexualität, ihrer Beziehung zur Welt, ihren Gefühlen als Kindfrau, als missbrauchtes Opfer oder als Straftäterin, als junges Mädchen erneut Folge zu leisten. Sie musste „die Kunst des Ausweichen, des Lügens lernen.“ Und dann, aus der Gegenwart des Buchschreibens heraus gesprochen: »Jetzt, da die Zeit verstrichen ist und ich mich meinem Tod nähere, erkenne ich, dass Charles‘ Name mit seraphischer Anmut auftauchte, so dass sie begannen, seinen Vornamen mit Nachsicht zu hören.« (S.184-185).
Nachdem eine Insassin ihr sagte, dass sie selber sich in dem Heim besser fühle als vorher, fand auch Eva, dass das wahr sei, dass sie es vorziehe, in dem Heim zu sein, statt bei Irène. (S.196).
Sie erhielt Besuch von Charles im Dorf, durfte ihn dort treffen. Er hatte die Vormundschaft über sie erlangt. Sie zog ihn in eine Toilette, entkleidete ihn, sie hatten Sex. 222-228
Eines Abends zeigte ihr eine Mitinsassin ein Foto-Magazin mit Eva nackt auf dem Deckblatt. Ihre Mutter fuhr also fort, ihre Fotos zu veröffentlichen.
»Meine Situation war ihnen [den Organen der Rechtsverfolgung und den einflussreichen Schriftstellern und Künstlern aus Irènes Umfeld; mb.] völlig egal, für sie existierte ich nicht – ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen würden. Ich fühlte mich betrogen. Zu Beginn der Ermittlungen hatte die Justiz vor, meiner Mutter die Pornos zu beschlagnahmen, aber mit Hilfe ihrer berühmten Unterstützer hatten sie mich mundtot gemacht und den Fall zu den Akten gelegt.« (S.235).
Als Eva fünfzehn wurde, durfte sie mit Charles in den Urlaub fahren. Sie besuchten Rom, Neapel, Capri.
»Er zog sich aus, schmiegte seinen Körper an meinen und leckte den Schweiß von meinem Hals, meinen Achseln und meinem Bauch. Meine Lust erregte ihn, sein brauner Kopf zwischen meinen Brüsten, die wie zwei Berge aussahen, ich zog meine beiden langen, marmornen Schenkel heraus und umschlang seine Hüften, zog ihn fest an meinen Bauch, jedes Klatschen befriedigte mich. Er hob mich in seine kräftigen Arme, seine Sanftheit und sein Geruch betäubten mich, ich wurde panisch, ich gab mich unserer Umarmung hin, je mehr wir uns der Ekstase näherten, desto mehr Visionen hatte mein inneres Auge, zwischen zwei Stöhnern sah ich den Vesuv. Wir überschlugen uns, wir liebten uns zu Tode. Er genoss unsere Lust in meinem Blick. Außer Atem und überrascht von der Macht unseres Liebesspiels schwieg ich.«
»Unsere Verbindung überwand die Inzeste, die Übergriffe und die Gewalt, die ich erlitten hatte…« (S.251-255)
Dann „schmachtete“ Eva wieder weiter in Orsay. Anfang März 1981 verdüsterten sich ihre Gedanken zunehmend. Seit zwei Wochen sass sie fest, weil sie sich an einem Sonntagabend nach der Rückkehr von einem Wochenende erst nach 21 Uhr gemeldet hatte. Sie fürchtete, hier gefangen zu bleiben bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag, ihrer Volljährigkeit. (S. 265). Doch es sollte schon bald anders kommen.
Vorher jedoch kam es nochmals zu einer dramatischen Verschlimmerung.
Eva fand sich, mit Handschellen gefesselt, unversehens in einem stillgelegten Gebäude, das aussah wie ein Hospiz, in einer Zelle, doch es war kein Gefängnis. Sie war mit einem Auto aus Paris dorthin gebracht worde. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr, was sie auf eine Gewalterfahrung zurückführte oder weil sie Tabletten geschluckt hatte – sie konnte sich nicht erinnern. §…vielleicht habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen? Oder bin ich ohnmächtig geworden? Dennoch habe ich noch einige klare Bildfragmente vor Augen, wie ich schreiend um mich geschlagen habe. Niemand hat mir von dieser Episode erzählt, und wie dem auch sei, selbst später wurde mir nie persönlich eine Akte über mein Leben bei der DDASS [Jugendamt bzw. dessen Einrichtungen] ausgehändigt, niemals.« (S. 271–272).
* * *
Dann kam die Entlassung. Der Leiter von Orsay schüttelte Charles die Hand, er wünscht ihnen viel Glück und gab Eva einen Kuss auf die Wange.
Und sie erschien ein letztes Mal am Quai des Orfèvres. Der Jugendrichter war gealtert, er war dick geworden. Er blätterte die Akten durch, in denen sich die Berichte befanden – die der Psychologen, der Erzieher, der Erzieherinnen, der Leiter ihrer Einrichtungen, der Polizei, der Ärzte, der Sozialarbeiterinnen, der Lehrer und von Frau Chenu. Der Richter teilt ihr mit, dass sie dank ihm dem Gefängnis in Lyon entgangen ist [womit er offenbar Bezug nahm auf dieses obskure Ereignis. In der Nähe von Lyon gab es ein Jugendgefängnis, welches speziell für straffällige Jungen und Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren konzipiert war]. Eva konnte sich nicht erinnern, was passiert war.
Sicher war nun, dass sie fortan mit Charles zusammenleben durfte. Er war ihr gesetzlicher Vormund. Irène hatte unterschrieben. (S.272-273)
Sicher war ebenfalls, dass Eva nun, bis sie mit 18 die Volljährigkeit erreichen würde, eine staatliche Rente von 1500 francs monatlich erhalten wird. Das entspricht von der Kaufkraft her heute 6-700 Euro.
- Ionesco, Eva. Grand amour (French Edition). ROBERT LAFFONT/BOUQUINS/SEGHER. ↩︎
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